In Deutschland und weltweit gibt es inzwischen etliche Organisationen und Initiativen, die sich selbst als ökosozialistisch verstehen. Bei allen unterschiedlichen Akzentsetzungen ist dabei eine hinreichend breite gemeinsame Basis festzustellen, was die Analyse der gegenwärtigen Situation, das Ziel einer solidarischen und nachhaltigen Gesellschaft sowie die Vorstellungen gesellschaftlicher Transformation betrifft. Als Gemeinsamkeiten können folgende Einsichten festgehalten werden:

  1. ÖkosozialistInnen gehen davon aus, dass weltweit betrachtet die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen zur dringendsten sozialen Frage überhaupt geworden ist und als Vorzeichen alle anderen Felder politischen Handelns bestimmt.
  2. ÖkosozialistInnen wissen, dass die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit nicht in Konkurrenz zur ökologischen Zielen steht, sondern im Gegenteil: Soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit bedingen einander.
  3. ÖkosozialistInnen wissen, dass der entscheidende Wachstumstreiber das kapitalistische Konkurrenzverhältnis und der Zwang zur Kapitalakkumulation auf immer höherer Stufenleiter ist, wie er dem kapitalistischen System selbst eingeschrieben ist. Die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen erfordert deshalb letztlich die Überwindung des kapitalistischen Produktionsverhältnisses. Eine Postwachstumsgesellschaft ist nur jenseits des kapitalistischen Wachstumsimperativs denkbar.
  4. ÖkosozialistInnen streben eine sozialistische Ökonomie an, in der die wesentlichen Produktionsmittel, die Versorgung der Gesellschaft mit Geld, das Finanz- und Versicherungswesen nicht mehr der Logik der privaten Profiterwirtschaftung gehorchen, sondern vergesellschaftet sind. Was, wie und wie viel produziert wird, wird nicht mehr der Anarchie privater Profitinteressen überlassen, sondern politisch ausgehandelt. Die Anarchie kapitalistischer Einzelinteressen wird in bewusste gesamtgesellschaftliche Planung überführt.
  5. ÖkosozialistInnen haben aus der Geschichte gelernt, dass echte, partizipatorische Demokratie auf dem Boden der kapitalistischen Ökonomie nie und nimmer gedeihen kann, dass aber umgekehrt eine sozialistische Ökonomie ein Höchstmaß an Partizipation verwirklichen muss.
  6. Im Gegensatz zu den VertreterInnen eines „grünen Kapitalismus“ nähren wir nicht die Illusion bloß technischer Lösungen. Wir legen den Akzent auf Suffizienz , das heißt darauf, welche Verbräuche an Energie und Rohstoffen absolut reduziert werden können und müssen, welche Güter völlig oder zu einem großen Teil verzichtbar sind, welche Großinfrastrukturprojekte nicht mit Nachhaltigkeit vereinbar sind und welche Produktionszweige destruktiv sind und der Repression dienen. Ein Verzicht auf die Produktion von Rüstungsgütern ist für uns alle pure Selbstverständlichkeit. Ein Rückbau überflüssiger, destruktiver, verschwenderischer Strukturen und Produkte wird im Vordergrund unseres gemeinsamen Agierens stehen. Wir sind uns dessen bewusst, dass nicht einfach neue Techniken, sondern neue, solidarische Formen des Zusammenlebens und eine „Ökonomie des Genug“ Nachhaltigkeit garantieren. Nicht nur der Kapitalismus mit seinem eingeschriebenen Wachstumszwang, sondern auch unser Typ von Industriegesellschaft insgesamt steht zur Disposition. Was nottut, ist industrielle Abrüstung.
  7. Im Gegensatz zu den Wohlstandsversprechen der Nachkriegszeit, die letztlich parasitär waren und auf der Ausplünderung anderer Länder und der Übernutzung natürlicher Ressourcen beruhten, streben wir ein „gutes Leben“ (buen vivir) jenseits bloß materiellen Wohlstands an. Ein wesentlicher Wohlstandsgewinn in einer ökologisch nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft wird der Zeitwohlstand sein. Trotz des Bedarfs an mehr menschlicher Arbeitskraft in vielen Bereichen aufgrund der Umstellung der Produktionsweise (Landwirtschaft, Reparatur und Recycling, usw.) wird insgesamt wesentlich weniger Arbeitszeit für die Produktion der notwendigen Dinge nötig sein. Viele Produkte werden wesentlich langlebiger, vieles an Produktion wird ganz wegfallen oder stark reduziert werden, etc. Eine gerechte Verteilung der Arbeit wird dafür sorgen, dass wir insgesamt mehr Zeit für Muße und Selbstentfaltung jenseits der Erwerbsarbeit haben werden.

Das Netzwerk Ökosozialismus in Deutschland hat sich im Jahr 2017 gegründet. Unsere gemeinsame inhaltliche Basis ist unsere Ökosozialistische Erklärung. Damit haben wir den Versuch unternommen, die Erklärung von Belém für uns zu konkretisieren, und wir stellen uns damit bewusst in diese internationale Tradition. Unsere Ökosozialistische Erklärung wird in gemeinsamer Diskussion ständig fortgeschrieben und aktualisiert.

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"Unser Ziel: eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft"

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