Zu Michael Löwys Ökosozialismus

 

von Saral Sarkar

 

Der Redaktion von SoZ gebührt Dank für die Veröffentlichung von Löwys Artikel. Im letzten Jahr hat sie mein Buch Die nachhaltige Gesellschaft – eine kritische Analyse der Systemalternativen besprochen und auch einen Auszug daraus veröffentlicht. Nun sind einige Fragen aufgeworfen und eine neue Perspektive vorgelegt worden, die für alle Linken und Öko-Aktivisten eine Herausforderung bedeuten müssten. Man darf jetzt von ihnen verlangen, dass sie sich ernsthaft damit auseinandersetzen. Die Neukonzipierung des Sozialismus und einer nachhaltigen Gesellschaft muss endlich beginnen.

    Ich will hier nicht auf Punkte eingehen, bei denen zwischen Löwys Positionen und denen von mir große Übereinstimmung besteht, sondern mich darauf beschränken, das zu ergänzen, was er vernachlässigt hat, und seine Fehler zu korrigieren.

    (1) Löwys Fehler beginnen schon mit dem Titel. Er hätte heißen müssen "Überleben statt Wohlstand". Denn auch eine echt sozialistische Gesellschaft, die die ökologische Lektion nicht gelernt hat, kann durch kurzsichtiges Streben nach immer mehr Wohlstand für das ganze Volk die natürliche Umwelt zerstören. Ein halber Beleg dafür ist die ehemalige Sowjetunion. Auch der tadellose West-Sozialist Ernest Mandel schrieb in seinem Buch Marxistische Wirtschaftstheorie:  "... selbst wenn die Reise im Flugzeug, mit der Eisenbahn oder mit dem Omnibus kostenlos ist, werden die Menschen weiterhin den Wunsch nach einem privaten Wagen haben ... . Eine sozialistische Gesellschaft wird diese Bedürfnisse respektieren und, weit davon entfernt, sie als ‚kleinbürgerliche Überbleibsel’ zu verurteilen, wird sie sich bemühen, diese Bedürfnisse, die kein aufrichtiger Mensch als unvernünftig abtun kann, zu befriedigen." (Mandel, Marxistische Wirtschaftstheorie, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1979, 842f)

    Diesen wichtigen Punkt hat Löwy nicht verstanden. Darum schreibt er von "der kapitalistischen Zerstörung und Vergiftung der Biosphäre" und von "der unbegrenzten Expansion des kapitalistischen Produktivismus", als wäre das alles im Sozialismus undenkbar. Diesen Fehler hat schon Marx begangen. In einem oft zitierten Passus in Das Kapital, Bd. I schreibt er von "der kapitalistischen Agrikultur" und der "kapitalistischen Produktion", die "die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter", obwohl er in demselben Passus auch richtigerweise von "der modernen Agrikultur" und "der großen Industrie" spricht. (MEW 23, 527 – 530)

    (2) Auch der Begriff "Produktivismus" ist nicht passend. In vorindustriellen Gesellschaften hätte der Produktivismus, wenn es ihn gegeben hätte, nicht soviel ökologischen Schaden anrichten können wie heute. Man hatte ja keine Motorsäge. Das Problem begann mit der Benutzung von fossilen Energien, die eine rasante Entwicklung der Produktivkräfte, sehr viel mehr Produktion mit sehr viel mehr Ressourcenverbrauch und massive Umweltzerstörung ermöglichte. Den Industrialismus und die industrielle Zivilisation, in welcher politischen Verpackung auch immer, sollten wir also problematisieren..

    Nun aber gibt es sowohl unter den Linken als auch unter den Ökoaktivisten die Vorstellung, dass dank kontinuierlicher technologischer Entwicklung alle oder die meisten Probleme bezüglich der Umweltzerstörung und der nicht erneuerbaren Ressourcen gelöst werden können, so dass der gewohnte Lebensstandard der industrialisierten Welt auch in einer zukünftigen nachhaltigen Weltwirtschaft ohne große Abstriche möglich sein würde. Stichworte dazu: nachhaltige(s) Entwicklung/Wachstum, ökologisches Wirtschaftswunder, solare Weltwirtschaft usw. Zum Beispiel schreibt Hermann Scheer in seinem Buch Solare Weltwirtschaft , Solarenergie könne "die üppigsten Energiebedürfnisse sogar einer sich noch drastisch vermehrenden Menschenwelt" befriedigen."

    Es gibt starke Gründe zu glauben, dass solche Behauptungen bzw. Hoffnungen unzutreffend bzw. illusorisch sind (siehe Saral Sarkar, Die nachhaltige Gesellschaft. Eine kritische Analyse der Systemalternativen, Zürich 2001, Kapitel 4). Löwy aber, der erfreulicherweise den Marxismus "von seinen produktivistischen Schlacken befreit" sehen möchte und die marxistische, "traditionelle Konzeption der Produktivkräfte einer kritischen Analyse unterwerfen" will, setzt dennoch seine Hoffnung auf technologische Entwicklung –allerdings auf eine, die die Umwelt respektiert – und auf erneuerbare Energien, besonders die Sonnenenergie.

    Zudem plädiert er für einen "solaren Kommunismus", in dem die "Güter und Dienstleistungen entsprechend dem [traditionellen marxschen] Prinzip 'jedem nach seinen Bedürfnissen' " verteilt werden, als hätte er noch nicht von den Grenzen des Wachstums gehört. Er denkt an "eine planetare Umverteilung des Reichtums" (im Titel ist aber von Überleben die Rede). Eigentlich hätte unter Sozialisten längst eine intensive post-marxistische Diskussion über Bedürfnisse beginnen müssen, vor allem über die Frage, welche Bedürfnisse in welchem Ausmaß in einer nachhaltigen Welt befriedigt werden können. Sonst könnten in "ökologisch" sozialistischen Köpfen Gedanken geistern wie z.B., dass man mit Solarwasserstoff betriebene Motorsägen einsetzen könne, um riesige Holzernten aus Wäldern einzufahren, in denen gentechnisch gezüchtete Bäume schnell wachsen.

    (3) Wenn man die Bedürfnisfrage ernsthaft angehen will, kann man nicht umhin zu fragen: für wie viele Menschen? Dann muss man den Marxismus von noch einem anderen Fehler befreien, vom Nicht-wahrnemen-Wollen des Übervölkerungsproblems. Löwy tut das nicht.

    (4) Löwy schreibt, Marx habe das Bedürfnis, die Umwelt zu schützen, nicht genügend berücksichtigt. Das stimmt nicht ganz. Sowohl er (siehe Zitat oben) als auch Engels haben genug geschrieben, um genügend deutlich zu machen, dass sie die Umweltproblematik in ihrer vollen Bedeutung erkannt hatten. Engels schrieb sogar von der „Rache der Natur“. Dass sie trotzdem parallel dazu ihren Produktivismus aufrechterhalten konnten, erklärt sich durch ihren Glauben an eine Lösung durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Engels schrieb in Dialektik der Natur: "... seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft ... werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen ... unserer Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen ... ."

    Dieser Fortschrittsglauben ließ sie auch hoffen, dass die Zunahme des wahren Reichtums, nämlich der freien Zeit, mit dem Wachstum des materiellen Reichtums Hand in Hand gehen könne. Das hat sich bis heute nicht geändert. Heutzutage glauben die Marxisten, sonstige "Ökosozialisten" und Ökokapitalisten, modern und umweltbewusst, an gewaltige Fortschritte bei umweltfreundlichen Technologien, die es ermöglichen würden, Ökologie und Ökonomie (sprich Wirtschaftswachstum und Wohlstandsvermehrung) zu versöhnen . Für sie muss die Lösung des Problems eine technologische sein. Man lebt ja in Europa.

    Löwy denkt, sein Ziel, egalitäre und planetarische Umverteilung des Reichtums, ist erreichbar – "dank eines neuen Paradigmas der Produktion". Er erklärt den Begriff nicht, aber wenn er damit mehr meint als nur Entwicklung von umweltfreundlichen Technologien und erneuerbaren Energien, dann hat er Recht. Für mich wäre das eine global verteilte und dezentrale Produktion mit arbeitsintensiven Technologien, die nicht nur das Problem der Arbeitslosigkeit lösen hilft, sondern auch das Ökologie- und Ressourcenproblem. Denn solche Technologien erfordern viel weniger Ressourcenverbrauch und verursachen mithin viel weniger Umweltbelastung. Wieviel materieller Reichtum und freie Zeit dann möglich sein würde, wird von dem erstrebten Lebensstandard abhängen.

    (5) Ein letzter Kritikpunkt: Wenn Löwy seine humanistische Ethik so anthropozentrisch auffasst, dass er im Interesse der Menschen sogar die Ausrottung – nicht bloß zahlenmäßige Kontrolle – einer Spezies, der Anopheles-Mücke, befürwortet, dann geraten die Tiefenökologen zu Recht in Rage. Denn so könnte man auch im Interesse der Menschen in Asien und Afrika, deren Zahl ja ständig zunimmt, die Ausrottung der Tiger und Elefanten befürworten.