Auf der Straße zum Ruin


Michael Meacher*


(The Guardian, 7. Juni 2006, entdeckt von Saral Sarkar, übersetzt von Heinz Preuß)


(Erschienen in Tarantel Nr. 35, IV, Dezember 2006 (Vierteljahresschrift der Ökologischen Plattform bei der Linkspartei PDS)





Die Uranproduktion überschritt 1981 ihren Höhepunkt, und die Versorgung läuft aus. Noch immer plant das Vereinigte Königreich (UK) den Bau weiterer Kernkraftwerke.


Einer der seriösesten Gründe gegen Tony Blairs vorschnelles Beharren auf der Kernkraft wurde noch gar nicht erwähnt. Es sind weder die Schwierigkeit, ein Endlager für den radioaktiven Müll zu finden, der für 100.000 Jahre hochtoxisch bleiben wird, noch das Terrorismusrisiko, noch die Gefahren aus dem Bau neuer Reaktoren ohne Containment in der Nähe von Siedlungszentren, wie dies vorgesehen ist, noch gar die Kosten, welche die Kernkraft nicht wettbewerbsfähig machen. Die Schlüsselfrage ist, ob genug Uran verfügbar ist. Dies ist nicht der Fall.


Der Begriff Ölspitze – das Jahr, in welchem die Jahresproduktion ihren höchsten Wert erreicht, um danach irreversibel zu sinken – ist nun das Zentrum der Debatte über Öl als einer Welt-Energie-Quelle. Die Experten sagen voraus, dass dies in den nächsten 5 – 10 Jahren geschehen wird, wonach die Ölversorgung in der Zeit um 2050 auslaufen wird. Dies wird potentiell kataklysmische Konsequenzen für die Ökonomie und für die menschliche Gesellschaft haben, wenn die Welt nicht umgehend vom Öl weg und hin zu erneuerbarer Energie und größerer Energieeinsparung schreitet. Dafür gibt es aber wenig Anzeichen.


Das Füllen von Lücken


Wollen wir jetzt den gleichen Fehler mit der Kernkraft wiederholen? Die Versorgung mit Uran hat ihren Gipfel schon 1981 überschritten. Es gibt jetzt weltweit 440 Kernreaktoren, und die Welt produziert gerade etwas mehr als die Hälfte des Uranerzes, das diese Anlagen jährlich verbrauchen. Die Lücke wird zur Zeit durch Verwendung von Plutoniumvorräten gefüllt, die aus zerlegten Kernwaffen des Kalten Krieges stammen. Aber diese Quellen trocknen aus und werden 2013 versiegen. Deshalb versucht die Industrie, neue Uranminen zu finden und aufzuschließen, hauptsächlich in Kanada, Australien und Kasachstan. Doch diese werden nur die Hälfte der gegenwärtigen Lücke füllen, noch nicht gerechnet der Bedarf von 28 weltweit in Bau befindlichen Kraftwerken, ergänzt durch 30 von China bis 2020 geplanten Kraftwerken. Im Ergebnis könnte etwa ein Viertel der Kraftwerke gezwungen sein, wegen Brennstoffmangels innerhalb von 10 Jahren den Betrieb einzustellen.


Der Aufschluss einer Uranmine ist teuer und komplex, weil das Material risikoreich ist – er benötigt etwa 15 Jahre von der Entdeckung bis zur Produktion. Deshalb wird es, sogar bei massiven Anstrengungen, neue Minen zu finden und zu erschließen, eine Lücke von acht Jahren nach 2013 geben. China ringt bereits um Eckverträge auf Uranerz, und der Uranpreis ist in den letzten sechs Jahren um 400% gestiegen.


Während das Element Uran gewöhnlich vorhanden ist, ist konzentriertes, für Energiezwecke geeignetes Uran limitiert. Uranerz ist Gestein, welches mineralisches Uran in Konzentrationen enthält, dass es wirtschaftlich abgebaut werden kann.


Das Hauptargument, mit dem die Uranindustrie diese Krise herunterspielt, besteht darin, dass Thorium anstelle von Uran als Reaktorbrennstoff verwendet werden kann, und Thorium gebe es im Überfluss. Aber die USA, Russland, Deutschland, Indien und Japan haben Thoriumreaktoren 30 Jahre lang studiert, dennoch wurde kein kommerzieller Thoriumreaktor gebaut. Eine andere Idee ist die Wiederverwendung von Uran in schnellen Brutreaktoren.


Dies ist ausführbar, aber derartige Reaktoren sind komplexer, teurer und gefährlicher, weshalb die USA ihre Nutzung in den 70er Jahren einstellten und das UK die Idee 1994 aufgab. Es gibt gegenwärtig keinen ernsthaften extensiven Versuch, irgendwo auf der Welt zu Thorium- oder Brüter-Reaktoren zurückzukehren, wodurch eine umfasende Schließung traditioneller Uranreaktoren innerhalb einer Dekade möglich wäre.


Mittlerweile kann mit steigender Nachfrage und dem Scheitern der Aufrechterhaltung der Versorgung eine Steigerung des Uranpreises auf das Zehnfache innerhalb der nächsten Jahre nicht ausgeschlossen werden. Die Regierungen von Kanada, Australien und Russland werden es natürlich nicht akzeptieren, ihre eigenen Kernkraftwerke wegen Verknappung zu schließen, und werden den Rest der Welt – einschließlich des UK, welches keine eigene Uranversorgung hat – sogar noch stärker der Gnade eines sich verringernden Marktes überlassen.


Das Schweigen der Industrie


Die drohende Uranverknappung wurde von der Nuclear World Association zugegeben, welche ein Bild der offensichtlich werdenden Krise auf ihrer Website im Juli lieferte. Aber während die Nuklearindustrie gemütlich dabei ist, die Sicherheit von Kernreaktoren zu debattieren, will sie nicht die Uranverknappung diskutieren. Philipp Dewhurst, Chairman der Nuklearindustrievereinigung, hat gesagt, es sei notwendig, die Ersetzung solcher Kernreaktoren, die geschlossen werden müssen, unter dem Aspekt zu prüfen, „ob die Uranversorgung ausreiche oder nicht“. Aber sobald das Horten von Uran beginnt, könnte seine Hauptverknappung früher kommen als 2013 und sein Wert auf das Niveau von Edelmetallen hinaufgetrieben werden. Vor diesem Hintergrund wäre die Eröffnung einer neuen Runde von Kernreaktoren im UK, von denen man vermutlich innerhalb einer Dekade 25% wieder schließen müsste, die ultimative Narretei.



*Michael Meacher war von 1997 bis 2003 Umweltminister von Großbritannien