Globale Erwärmung


Das Ende der westlichen Welt, wie wir sie kennen?

- von Anatol Lieven (Washington) -

Jedes politische, soziale und wirtschaftliche System, das jemals geschaffen wurde, begegnete früher oder später einer Herausforderung, der das System auf Grund seiner Natur nicht gewachsen war. Das konfuzianische Herrschaftssystem im imperialen China, das mehr als 2000 Jahre andauerte, kann gewissermaßen für sich in Anspruch nehmen, das erfolgreichste System der Geschichte gewesen zu sein. Weil dieses jedoch auf den Werten Stabilität und Kontinuität anstatt auf Dynamik und Erfindungs-geist basierte, war es nicht in der Lage, angesichts des aufkommenden westlichen imperialen Kapitalismus zu überleben.


Für Marktwirtschaften und das mit ihnen verbundene Modell der westlichen Demokra-tien wird für die vorhersehbare Zukunft die Erderwärmung die existentielle Heraus-forderung sein. Andere Bedrohungen, wie der Terrorismus, können wohl schädlich sein, aber keine andere denkbare Bedrohung oder Kombination von Bedrohungen kann das ganze System von uns vernichten. Wie kürzlich von einer offiziellen britischen Kommission - unter der Leitung von Sir Nicholas Stern - richtig behauptet wurde, ist der Klimawandel „das größte und weitreichendste Marktversagen, das die Welt je gesehen hat“.


Die Frage ist nun, ob der globale Kapitalismus und die westliche Demokratie den Em-pfehlungen des Stern-Berichtes folgen und die erforderlichen begrenzten wirt-schaftlichen Anpassungen durchführen können, um die Erderwärmung in erträglichen Grenzen zu halten, was uns ermöglichen würde, unser System in einer noch erkennbaren Form beizubehalten; oder ob unser System so sehr von uneingeschränk-tem Konsum abhängig ist, dass es von seiner Natur her nicht fähig ist, von seinen jetzigen Eliten und Bevölkerungen auch nur kleine Opfer zu verlangen.


Sollte letzteres der Fall sein und die Welt einen ungeheuer zerstörerischen Klimawandel erleiden, so müssen wir begreifen, dass alles, worauf die westliche Welt heute besteht, von künftigen Generationen abgelehnt werden wird. Als Modell für die Menschheit und Bewahrer ihrer wesentlichen Interessen wird dann dieses ganze demokratisch-kapitalistische System als total gescheitert angesehen werden.


Sogar die verhältnismäßig konservativen Vorhersagen des Stern-Berichtes, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts das jährliche globale „Brutto-Inland-Produkt“ um bis zu 20 Prozent sinken wird, bedeutet eine Krise im Ausmaß der Grossen Depression der 1930er Jahre. Und wie wir wissen, beschränkten sich die Auswirkungen jener Depression nicht nur auf die Wirtschaft. In großen Teilen Europas sowie Latein-amerikas und in Japan brachen Demokratien zusammen und wurden durch autoritäre Regime ersetzt.


Allerdings, wie der Bericht deutlicht macht, werden wir, falls wir bei der Emission von Treibhausgasen weitermachen wie bisher, nicht bis zum Ende des Jahrhunderts warten müssen, um verheerende Folgen zu erleben. Viel früher wird eine Kombination von Überschwemmungen, Dürrekatastrophen und Hungersnöten Staaten in den ärmeren Teilen der Erde zerstört haben, wie dies bereits in den letzten Jahrzehnten in Somalia geschehen ist.


Sind die vorsichtigen Einschätzungen des Stern-Berichtes angemessen, so werden schon bis zum Jahre 2050 die Auswirkungen des Klimawandels ausreichen, um die Gesellschaften von Pakistan und Bangladesch zu Grunde zu richten. Und wenn diese Staaten zerbrechen, wie werden sich Indien und andere Staaten gegen die Folgen abschotten können?


Dann wird nicht nur die heute herrschende zwanghafte Sorge um den Terrorismus unbedeutend erscheinen, sondern auch alle Bemühungen um Demokratisierung - wie die von westlichen Staaten sowie Privatpersonen und Organisationen wie George Soros und seinem Open Society Institute - werden sinnlos gemacht. Das gleiche gilt für sämtliche gegen Armut und Krankheiten gerichtete Anstrengungen.


Und dies bezieht sich lediglich auf die wahrscheinlichen mittelfristigen Auswirkungen des Klimawandels. Für die weitere Zukunft sagt der Bericht voraus: falls wir wie bisher weitermachen, könnte die Zunahme der durchschnittlichen globalen Temperatur wohl 5 Grad Celsius überschreiten. Nach unserem heutigen Wissensstand über die Geschichte des Weltklimas zu urteilen, führt dies mit einiger Sicherheit zum Schmelzen der Polar-eisdecken und zu einem Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 25 Metern.


Wie Al Gore in seinem Buch und dem Film „An Inconvenient Truth“ (Eine unbequeme Wahrheit) hinweist, würde dies das Ende vieler großer Städte (und weiter Tief-landregionen) bedeuten. Die daraus resultierende Migration von Menschen dürfte ein solches Ausmaß annehmen, dass sie unserer modernen Zivilisation ein Ende bereiten würde.


Sollte dies geschehen, was werden unsere Nachkommen von einer politischen und Medienkultur denken, die dieser Bedrohung so wenig Aufmerksamkeit schenkte im Vergleich zu Sport, Konsumgütern, Freizeit und einer vergleichsweise winzigen terroristischen Bedrohung? Werden sie uns als Vorbilder von menschlichem Fortschritt und Freiheit in Erinnerung behalten? Wahrscheinlicher ist, dass sie auf unsere Gräber spucken werden.


Der auf freier Marktwirtschaft basierenden westlichen Demokratie – und insbesondere ihrer US-amerikanischen Form – liegt der Glaube zugrunde, dass dieses System von bleibendem Wert für die Menschheit ist: ein „New Order of the Ages“ (eine neue Ordnung der Zeitalter), wie das Motto auf dem Großen Siegel der USA lautet. Dieses System soll nicht nur den kurzfristigen und eigennützigen Interessen der gegen-wärtigen westlichen Bevölkerungen dienen. Wenn unser System wirklich nichts mehr ist als das, dann wird es noch restloser aus der Geschichte verschwinden als das konfu-zianische China – und das wird es verdient haben.


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Anatol Lieven ist Forschungsbeauftragter bei der New America Foundation in Washington und der Verfasser – zusammen mit John Hulsmann – von „Ethical Realism: A Vision for America’s Role in the World.“ (Ethischer Realismus: Eine Vision für die Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt).

Das englische Original ist erschienen im „International Herald Tribune“, am 29.12.2006. Der Titel des Originals: „Global Warming – The End of the West as we know it ?“


Übersetzung: Boshalt, Sarkar


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