Der lange Notstand -

Überleben bei den zusammenlaufenden Katastrophen des 21. Jahrhunderts

von: James Howard Kunstler (USA)



"Wenn Öl aufhört, billig zu sein, und Reserven beginnen, zur Neige zu gehen, werden wir dastehen mit einer enormen überzähligen Bevölkerung, die die Erde nicht tragen kann."

Irgendwie haben wir uns überzeugt, dass uns die fossilen Brennstoffe nie ausgehen werden. Aber sie werden zu Ende gehen, und sehr viel früher als wir denken. In einem Auszug aus seinem Angst einflößenden neuen Buch beschreibt Kunstler den langen Notstand, der uns bevorsteht.



Carl Gustav Jung machte einmal eine berühmt gewordene Bemerkung: "Menschen können zu viel Wirklichkeit nicht ertragen." Das Nachstehende wird vielleicht Ihre Annahmen über die Welt, in der wir leben, in Frage stellen, insbesondere unsere Annahmen über die Welt, in die uns Zeit und Ereignisse hineintreiben. Ein schwieriger Weg durch unbekanntes Territorium steht uns bevor.

Unser Krieg gegen den militanten islamischen Fundamentalismus ist nur ein Element in einer Reihe von bereits stattfindenden Ereignissen, die unsere Beziehung zum Rest der Welt verändern und uns zwingen werden, hier in Amerika anders zu leben, ob wir das wollen oder nicht. Vor allem und am unmittelbarsten stehen wir vor dem Ende der Ära der billigen fossilen Brennstoffe. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass zuverlässige Versorgung mit billigem Öl und Erdgas die Grundlage von all dem ist, was wir als die Vorteile modernen Lebens betrachten. Sämtliche lebensnotwendigen Bedarfsgüter, Bequemlichkeiten, Luxusgüter und Wunder unserer Zeit - Zentralheizung, Klimaanlage, Autos, Flugzeuge, elektrisches Licht, billige Kleidung, Musikaufnahmen, Filme, Supermärkte, elektrische Werkzeuge, künstliche Hüften, nationale Verteidigungssysteme (alles, was Sie nennen können) - sie alle verdanken auf die eine oder andere Weise ihren Ursprung und Weiterexistenz den billigen fossilen Brennstoffen. Sogar unsere Kernkraftwerke hängen letzten Endes von billigem Öl und Erdgas ab, nämlich für den Bau, die Instandhaltung und die Gewinnung, Verarbeitung und Bereitstellung von nuklearen Brennstoffen.

Die Überredungskraft von billigem Öl und Erdgas war so verführerisch und rief solche Gefühlsausbrüche von hypnotisierender Zufriedenheit hervor, dass wir aufhörten, auf die wesentlichste Eigenschaft dieser wunderähnlichen Gaben der Erde zu achten, nämlich, dass sie in begrenzter und nichterneuerbarer Quantität existieren, die zudem ungleichmäßig auf dem Globus verteilt sind. Was die Sache noch verschlimmert, die Wunder des stetigen technologischen Fortschritts im Zeitalter des Öls haben uns dazu verleitet zu glauben, dass alles, was wir uns intensiv genug wünschen, wahr werden kann ("Jiminy Cricket syndrome"). Selbst Menschen , die es eigentlich besser wissen sollten, wünschen heutzutage inbrünstig, dass ein reibungsloser, nahtloser Übergang von den fossilen Brennstoffen zu vermeintlichen Ersatzstoffen - Wasserstoff, Solarenergie, irgend etwas - in nur ein paar Jahren stattfindet. Das ist ein gefährliches Wunschdenken. Im besten Fall wird die Entwicklung einiger dieser Technologien wohl Jahrzehnte dauern. Das würde bedeuten, dass wir eine extrem turbulente Zeit zwischen dem Ende des billigen Öls und der Verfügbarkeit von dem, was danach kommen mag, erwarten können. Wahrscheinlicher ist, dass neue Brennstoffe und Technologien die fossilen Brennstoffe nie in dem Umfang und in der Art und Weise ersetzen würden, wie die Welt sie zurzeit verbraucht.

Was man allgemein nicht begreift, ist, dass die entwickelten Länder werden zu leiden beginnen, lange bevor das Öl und das Gas wirklich zu Ende gehen. Der westliche Lebensstil [der Autor meint hier eher den US-amerikanischen] - der heute praktisch synonym ist für Vorstadtleben - kann nur auf der Basis verlässlicher Versorgung mit billigem Öl und Gas funktionieren. Sogar geringfügig-bis-moderate Abweichungen hinsichtlich Preis oder Versorgung werden unserer Wirtschaft schwere Schäden zufügen und die Logistik des täglichen Lebens erschweren. Vorräte an fossilen Brennstoffen sind nicht gleichmäßig in der Welt verteilt. Sie kommen vielmehr konzentriert in Gegenden vor, in denen die heimische Bevölkerung die westliche Welt nicht mag, die sehr entlegen sind und in denen wir kaum etwas zu sagen haben.

Der Rückgang der Versorgung mit fossilen Brennstoffen wird sicherlich chronische Konflikte zwischen den Ländern verursachen, die sich um die restlichen Vorräte streiten werden. Diese Ressourcenkriege haben bereits begonnen. Sie werden zunehmen. Sie werden sich wahrscheinlich jahrzehntelang hinziehen. Sie werden eine Situation verschlimmern, die alleine ganze Zivilisationen zerstören könnte. Das Ausmaß des Leidens in der westlichen Welt wird sicherlich davon abhängen, wie hartnäckig wir versuchen, uns an überholte Gewohnheiten, Traditionen und Annahmen zu klammern - zum Beispiel, wie erbittert wir darum kämpfen, unseren Vorstadtlebensstil beizubehalten, der einfach nicht länger rationalisiert werden kann.

Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung in Schwung zu kommen begann, wurde die Weltbevölkerung auf rund eine Milliarde geschätzt. Daraus wurde gefolgert, dass die Erde höchstens eine Milliarde Menschen tragen kann, wenn wir sie auf nichtindustrieller Basis bewirtschaften. Die Weltbevölkerung zählt heute über sechseinhalb Milliarden. Seit meiner Kindheit in den 1950er Jahren hat sie sich mehr als verdoppelt. Die Mitte des 20. Jahrhunderts war eine Zeit steigender Besorgnis wegen der "Bevölkerungsexplosion". Der wundervolle technologische Sieg über Lebensmittelknappheit, einschließlich der "grünen Revolution" in Ernteerträgen, beschleunigte den bereits kräftigen Anstieg der Weltbevölkerung, der mit der Neuzeit begonnen hatte. Dramatische Verbesserungen in Hygiene und Medizin verlängerten Menschenleben. Die Industrie nahm große Teile der wachsenden Bevölkerung auf und siedelte sie vom Land in die aufstrebenden Städte um, wo sie Arbeit fanden. Die sichtbare Fähigkeit der Welt, diese Neu- und Spätankömmlinge in eine völlig neue soziale und wirtschaftliche Struktur aufzunehmen, schien der letzte Nagel im Sarg von Thomas Robert Malthus zu sein, dem viel geschmähten Verfasser von An Essay on the Principle of Population ... (1798).

Malthus (1766-1834), ein englischer Landpfarrer, ist seit 200 Jahren der Prügelknabe der Idealisten und Technologieoptimisten. Sein berühmter Aufsatz legte die These dar, dass sich die menschliche Bevölkerung, wenn nicht gebremst, exponentiell wachsen würde, die Lebensmittelproduktion aber nur arithmetisch, und dass folglich dem Bevölkerungswachstum strenge und unvermeidliche Grenzen gesetzt sind. Ich würde sagen, Malthus hatte Recht. Aber das billige Öl verzerrte die Gleichung in den letzten hundert Jahren, in denen die Menschheit eine beispiellose Orgie nichterneuerbarer kondensierter Solarenergie feierte, die sich in der Vorzeit über Äonen akkumuliert hatte. Die "grüne Revolution" in Ernteerträgen hatte nur minimal mit wissenschaftlichen Innovationen in Pflanzengenetik zu tun. Sie verdankte sich eher dem Gebrauch riesiger Mengen von aus fossilen Brennstoffen hergestellten Düngemitteln und Pestiziden sowie riesigen Bewässerungssystemen, ebenfalls ermöglicht durch reichlich verfügbares Öl und Gas. Das Billig-Öl-Zeitalter schuf eine künstliche Blase von Fülle, allerdings nur für eine Zeitdauer, die nicht viel länger ist als ein Menschenleben, ein Jahrhundert. Innerhalb dieser komfortablen Blase breitete sich die Meinung aus, dass nur Nörgler, Spielverderber und gottlose Verrückte die Bevölkerungsexplosion für ein Problem hielten und dass es sogar ungehörig sei, das Thema überhaupt anzusprechen. Ich wage zu behaupten, dass wir, wenn Öl nicht mehr billig ist und die Weltreserven zur Neige gehen, plötzlich eine große überzählige Bevölkerung haben werden, die die Ökologie der Erde nicht wird tragen können. Kein politisches Programm zur Geburtenkontrolle wird dann etwas nützen. Die Menschen sind schon da.


Die so genannte Weltwirtschaft ist keine Einrichtung, die immer da gewesen ist, wie manche zu glauben scheinen, sondern ein Zusammentreffen vorübergehender Umstände, das eine Besonderheit einer bestimmten Zeit gewesen ist, des Zeitalters der fossilen Brennstoffe. Was sie (die Weltwirtschaft) in erster Linie möglich machte, war ein System weltweiter Zuteilung des Öls durch einen Ölmarkt. Dieses System konnte in einer außergewöhnlich langen Periode relativen Friedens in der Welt gut funktionieren. Überall verfügbares billiges Öl, verbunden mit allgegenwärtigen Maschinen zur Herstellung anderer Maschinen, neutralisierte viele bisherige komparative Vorteile, insbesondere die der Geographie. Gleichzeitig schuf es neue komparative Vorteile, zum Beispiel extrem billige Arbeitskraft. Seitdem wurde es unbedeutend, wo ein Land lag, oder, ob es Erfahrung in industrieller Fertigung hatte. Billiges Öl brachte Strom zu entfernten Teilen der Welt, wo uralte traditionelle Gesellschaften bisher auf erneuerbare Ressourcen wie Holz und Dung angewiesen waren, hauptsächlich zum kochen. Fabriken konnten in Ländern wie Sri Lanka und Malaysia gebaut werden, wo aufgrund der stark angewachsenen Bevölkerung ausbildungsfähige Arbeiter verfügbar waren, die bereit waren, für viel niedrigere Löhne als in Europa oder den USA zu arbeiten. Fertige Produkte wurden dann in einem stark rationalisierten System - ähnlich dem Ölzuteilungssystem - um die Welt befördert. Dazu wurden riesige Schiffe, automatisierte Hafenanlagen und LKW-gerechte Container benutzt, was alles die Transportkosten pro Einheit auf einen winzigen Bruchteil dessen reduzierte, was die Produkte selbst kosteten. In 12000 Meilen entfernten Fabriken hergestellte Hemden oder Kaffeemaschinen konnten so zu den Wal-Mart-Supermärkten in den USA transportiert und billig verkauft werden.

Die Möglichkeit, industrielle Fertigung auf diese Art und Weise zu globalisieren, stimulierte eine weltweite Bewegung, Handelsbarrieren zu lockern, die früher errichtet wurden, um komparative Vorteile zu verteidigen [das ist nicht richtig. - SS], die nun als obsolet betrachtet wurden. Die Idee war: die steigende Flut wachsenden Welthandels würde alle Boote heben. Der Zeitraum (ca. 1980-2001), in dem internationale Verträge zur Lockerung der Handelsbarrieren (z.B. das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen [GATT = General Agreement on Tariffs and Trade] ) abgeschlossen wurden, fiel mit einem starken und anhaltenden Rückgang der Weltmarktpreise von Öl und Gas zusammen. Dieser Preisverfall geschah genau dadurch, dass die Ölkrisen der 1970er Jahre soviel hektisches Bohren und Fördern stimuliert hatten, dass eine 20jährige Ölschwemme folgte. Diese ließ wiederum die führenden Politiker der Welt vergessen, dass der Globalismus, den sie zusammenzimmerten, völlig von nichterneuerbaren fossilen Brennstoffen und den fragilen politischen Arrangements für ihre Verteilung abhing. In westlichen Ländern setzte sich die alberne Ansicht durch, dass es sich bei den Ölkrisen der 1970er Jahre um vorgetäuschte Notlagen gehandelt habe und dass Öl nun überreichlich zur Verfügung stände. Das war eine Fehlinterpretation der Tatsache, dass die Ölfelder der Nordsee und der Nordküste von Alaska, als sie in den frühen 1980er Jahren in Betrieb genommen wurden, vorübergehend den industrialisierten Westen gerettet hatten. Diese Funde verschoben die Erschöpfung der fossilen Brennstoffe, auf die sich die Welt unaufhaltsam zubewegt.

Parallel dazu bekam der Globalismus unter Ökonomen und Regierenden den sexy Schein einer intellektuellen Mode. Er ließ sie glauben, dass der explodierende Reichtum in den entwickelten Ländern und die Verbreitung industrieller Aktivitäten in ehemals primitiven Regionen auf der Wirkung ihrer eigenen Ideen und Politiken beruhten, nicht auf billigem Öl. Margaret Thatchers augenscheinlicher Erfolg, die sklerotische Wirtschaft Großbritanniens zu sanieren, war eine gute Werbung für diese Politiken, die eine starke Dosis von Privatisierung und Deregulierung einschlossen. Was jedoch die Protagonisten des Globalismus übersahen, war, dass Thatchers Erfolg zeitlich mit der phantastischen neuen Einkommensquelle Nordseeöl zusammenfiel. Das war die Zeit, in der das schöne alte Großbritannien bei Energie Selbstversorger und, zum erstenmal seit der Hochzeit von Kohle, ein Nettoexporteur wurde. Als dann Ronald Reagan 1981 der Präsident der USA wurde, infizierte der Globalismus Amerika. Reagans angebotsorientierte Wirtschaftsberater propagierten einen Satz fiskalpolitischer Ideen, die ganz genau zu den neuen Vorstellungen von Freihandel und Deregulierung passten. Die wichtigste von denen war, dass eine massive Steuersenkung zu höheren Einnahmen für die Staatskasse führen würde, da einer [durch die Steuersenkung bewirkten] höheren Gesamtwirtschaftsaktivität höhere Steuersummen folgen würden, trotz der niedrigeren Steuersätzen. (Was sich daraus tatsächlich ergab, war ein riesiges Haushaltsdefizit.)

Der Globalismus, wie wir ihn kennen, nähert sich seinem Ende, das mit dem Ende des Billig-Öl-Zeitalters zusammenfallen wird. Vieles, was wir mit dem Globalismus verbinden, wird sich umkehren, zum Guten oder zum Schlechten. Märkte werden sich verschließen, weil politische Turbulenz und militärischer Unfug Handelsbeziehungen unterbrechen werden. Gesellschaften werden zunehmend Zuflucht zur Importsubstitution nehmen, um wirtschaftlich überleben zu können. In der Ära nach dem billigen Öl werden Transportkosten nicht mehr vernachlässigbar sein. Wenn Öl- und Gaslieferungen zunehmend unzuverlässig werden, müssen viele unserer landwirtschaftlichen Produkte in der näheren Umgebung erzeugt werden, wahrscheinlich unter Einsatz intensiverer Handarbeit. Die Welt wird aufhören, kleiner zu werden, und wird wieder größer werden. So gut wie alle wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Personen, Nationen und Institutionen - Sachen, die wir heute für selbstverständlich halten - werden sich drastisch verändern. Das Leben wird sich zunehmend und intensiv im lokalen Raum abspielen.


Viele westliche Länder stellen fest, dass das Zeitalter des billigen Öls zu Ende geht, nachdem sie ihren Reichtum in eine Lebensweise, nämlich in weiträumige Besiedlung, investiert haben, die keine Zukunft hat. Wenn Medienkommentatoren verzweifelt nach einer Erklärung dafür suchen, was gegenwärtig in der Wirtschaft geschieht, übersehen sie ohne Ausnahme die kolossale Fehlinvestition, die die Vorstadtsiedlungen darstellen, - eine ungeheure, beispiellose Fehlzuteilung von Ressourcen. Das ist zusätzlich zu den sozialen, geistigen und ökologischen Defizite dieser Lebensweise als einer Umwelt für den Alltag. Wir bauten eine Maschine ("armature") fürs Alltagsleben, die ohne üppige Versorgung mit Öl einfach nicht funktioniert. Und sehr bald werden wir weder das nötige Öl haben, sie in Gang zu halten, noch den Reichtum, sie zu ersetzen. Es ist auch kaum wahrscheinlich, dass wir eine Wunderenergie als Ersatz für das Öl finden werden, die uns ermöglichen würde, all diese Alltagsinfrastruktur auch nur in Ansätzen in der gleichen Weise zu betreiben.

Die tragische Wahrheit ist, dass eine Vorstadt größtenteils unreformierbar ist. Sie eignet sich nicht, in einen kleiner angelegten, feiner strukturierten Lebensraum mit zu Fuß erreichbaren Entfernungen zurückverwandelt zu werden. Solche Lebensräume werden wir aber im kommenden Zeitalter der stark reduzierten Motorisierung für das tägliche Leben brauchen. Es gibt auch keinen ökologischen Riesen, der die Millionen von Vorstadthäusern auf ihrem Halben-Morgen-Grundstück in Sackgassen aufsammeln und sie wieder näher aneinander setzen kann, um städtischere Lebensräume zu schaffen. Stattdessen wird für diese Vorstadtimmobilien - inklusive der McHäuser aus Spanplatten und Vinylkunststoff, Einkaufsstraßen, Büroviertel und sämtlichen anderen Komponenten - eine Phase schneller und grausamer Abwertung beginnen. Manche Teile der Vorstädte werden zu Slums der Zukunft werden.

Während die Vorstädte zerfallen, werden wir glücklich sein, wenn wir unsere bestehenden Städte Ziegel für Ziegel und Straße für Straße wieder bewohnbar machen können, mühsam per Handarbeit. Unsere größeren Städte werden Probleme haben, und manche werden wohl nicht mehr bewohnbar sein - besonders, wenn sich das Problem mit der Erdgasversorgung als so ernst erweist, wie es heute aussieht, und die Stromerzeugung, die davon (vom Erdgas) abhängt, unberechenbar wird. Entgegen unserer heutigen Vorstellung, werden Wolkenkratzer eher als ein Experiment angesehen werden. Im Allgemeinen müssen wir wahrscheinlich zu einem Siedlungsmuster zurückkehren, in dem Dörfer und Kleinstädte von intensiv bestelltem landwirtschaftlichem Hinterland umgeben sein werden. Wenn das geschieht, wird unsere Gesellschaft weit weniger wohlhabend sein. Und die Anzahl, Größe und Zuwachsrate von Neubauten werden nach dem heutigen Maßstab sehr bescheiden erscheinen. Wir werden, wenn überhaupt, viel weniger Modulbauweise zur Verfügung haben. Häuserbauen wird sehr viel mehr von traditionellem Maurerhandwerk, Zimmerhandwerk und anderen Handwerksberufen abhängig sein. Unsere heutigen Baugesetze werden zunehmend ignoriert werden. Kehren wir zu Menschen angepasstem, dem meschlichen Maß entsprechenden Bauen zurück, gibt es eine gute Chance, dass unsere neuen Stadtwohnungen humaner und schön sein werden. Das Zeitalter des Autos bewies, dass Menschen hässliche Zweckgebäude und grauenhafte Straßenbilder leicht tolerieren, solange sie die Kompensation haben, ihnen schnell entfliehen zu können - in Wagen mit feinster digitaler Stereomusik, Klimaanlage und Tassenhaltern für eisgekühlte Getränke. Dies wird sich radikal verändern. Es wird sehr viel weniger gefahren werden. In Zukunft wird man eher dort bleiben, wo man ist, und nicht unaufhörlich von einem Ort zum anderen reisen.

Wir sind gerade dabei, in eine für die Menschheit sehr traumatische Ära einzutreten. Sie wird wahrscheinlich politische Turbulenzen mit sich bringen, die genauso extrem sein werden wie die wirtschaftlichen Zustände, die sie (die Turbulenzen) auslösen werden. Wir werden nicht glauben, dass uns so was geschieht, dass die 200 Jahre alte moderne Zivilisation durch eine weltweite Energieknappheit in die Knie gezwungen werden kann. Die Perspektive wird so düster sein, dass viele Menschen und sogar ganze Bevölkerungen depressiv werden und an Selbstmord denken könnten. Die Überlebenden werden eine Religion der Hoffnung schaffen müssen, d.h. einen tiefen und umfassenden Glauben, dass die Menschheit es wert ist fortzubestehen.

Sollte das der Menschheit nicht gelingen, wird sich nichts an der Tatsache ändern, dass wir einmal hier waren: dass wir einmal diesen erstaunlichen blauen Planeten bevölkerten; dass wir uns mit unserer Intelligenz über alles bezüglich dieses Planeten und über die anderen Lebewesen, die hier mit uns lebten, wunderten; dass wir seine Schönheit in Musik, Kunst, Architektur, Literatur und Tanz feierten; dass es Zeiten gab, in denen wir uns in unseren Fähigkeiten und Bestrebungen etwas Gottähnlichem annäherten. Wir tauchten aus einem unendlich tiefen Mysterium auf, und wir kehrten in das Mysterium zurück. Letzten Endes bleibt alles ein Mysterium.



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Dies ist ein redigierter Auszug aus dem Buch The Long Emergency: surviving the converging catastrophies of the 21st century. London: Atlantic Books (2005). Der Text erschien in der britischen Zeitschrift new statesman in der Ausgabe vom 1.August 2005.


Übersetzung von: H. Boshalt, J.Boshalt, Saral sarkar.