Circulus vitiosus

 

Serge Latouche

 

(aus: Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe, November 2003, S. 3)

 

Der französische Soziologe und Technikphilosoph Jacques Ellul war Optimist: „Es wird eine große Befriedigung sein“, sagte er, „wenn wir gesunde Lebensmittel essen, weniger Lärm zu ertragen haben, ja in einer ausgeglichenen Umwelt leben und nicht mehr all den Straßen- und Güterverkehr aushalten müssen.“ Eine erste Voraussetzung für eine solche Umorientierung wäre allerdings die allgemeine Einsicht, dass kein Weg an einer Politik der Wachstumsrücknahme vorbeiführt. Denn noch immer herrscht bei der Rechten wie bei der Linken, bei Neoliberalen wie Sozialdemokraten der fatale Glaube vor, dass ohne Wachstum gar nichts geht.

 

Am 14. Februar 2002 erklärte George W. Bush in einer Rede vor Meteorologen: „Wachstum ist nicht das Problem, sondern die Lösung, weil es der Schlüssel zu Fortschritten im Umweltschutz ist und die nötigen Ressourcen für Investitionen in saubere Technologie bereitstellt.“ (1) Grundsätzlich teilen viele Linke diese Position, und auch manche Befürworter einer anderen Globalisierung meinen, Wachstum werde durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und eine ausgewogenere Einkommensverteilung schließlich auch die soziale Frage lösen.

 

Fabricio Nicolino zum Beispiel, der bei der Pariser Wochenzeitung Politis eine Ökologiekolumne schrieb, hat das Blatt nach einem redaktionsinternen Streit über die Rentenreform vor kurzem verlassen. (2) Die anschließende Diskussion zeugt von einem aktuellen Unbehagen der Linken. Ein Leserbriefschreiber begrüßte, dass es hier jemand „gewagt hatte, gegen ein Einheitsdenken anzuschreiben, das praktisch die gesamte politische Klasse Frankreichs teilt und das davon ausgeht, dass unser Glück auf Gedeih und Verderb von mehr Wachstum, mehr Produktivität, mehr Kaufkraft und folglich mehr Konsum abhängt“ (3).

 

Nach Jahrzehnten hemmungsloser Verschwendung sind wir offenbar in ein Sturmtief geraten: Klimaveränderung und kriegerische Auseinandersetzungen um Erdöl gibt es bereits, Kriege um Wasserressourcen stehen uns bevor (4), biogenetische Katastrophen sind absehbar und können für wichtige Pflanzen- und Tierarten das Ende bedeuten. Die Wachstumsgesellschaft ist also weder zukunftsfähig noch wünschenswert. Es käme vielmehr darauf an, darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft der „Wachstumsrücknahme“ die anstehenden Probleme möglichst unaufgeregt und konvivial lösen könnte.

 

Die Wachstumsgesellschaft hat die Tendenz, sich einzig von einer wachstumsorientierten Wirtschaft bestimmen zu lassen. Eine solche Gesellschaft ist nicht zukunftsfähig, weil sie über kurz oder lang an die Grenzen der Biosphäre stößt. Bemisst man die Umweltbelastung am „ökologischen Fußabdruck“ (ecological footprint), den unsere Lebensweise auf der Erde hinterlässt, so zeigt sich, dass unser Landverbrauch weder sozial ausgewogen ist noch auf die Regenerationsfähigkeit der Biosphäre Rücksicht nimmt. Ein US-Bürger verbraucht für die Aufrechterhaltung seines Lebensstandards durchschnittlich 9,6 Hektar Land, ein Kanadier 7,2 Hektar, der Durchschnittseuropäer 4,5 Hektar. Von weltweiter Gleichberechtigung sind wir also weit entfernt, erst recht von einer Kultur der Nachhaltigkeit, die bei gleich bleibender Weltbevölkerung eine Beschränkung auf 1,4 Hektar pro Person erfordern würde. (5)

 

Mit der „Ökoeffizienz“, dem zentralen Begriff der nachhaltigen Entwicklung, glauben Experten nun die magische Formel gefunden zu haben, mit der sich die widersprüchlichen Interessen von Wirtschaftswachstum und Umweltschutz versöhnen lassen. Ziel ist die schrittweise Reduzierung von Umweltbelastungen und Ressourcenverbrauch auf ein Niveau, das unterhalb der Belastungsgrenze unseres Planeten liegt. (6)

 

Dass die Ökoeffizienz unserer Produktionsweise merklich gestiegen ist, steht ebenso außer Frage wie die Tatsache, dass sich mit einem weiterhin ungebremsten Wachstum die globalen Umweltbedingungen verschlechtern werden. Die sinkende Umweltverschmutzung je produzierter Einheit wird durch den steigenden Ausstoß systematisch zunichte gemacht, ein Sachverhalt, der als „negative Rückkopplung“ bekannt ist. Die New Economy ist zwar deutlich weniger materiell als die traditionelle Wirtschaft, aber sie hat Letztere nicht ersetzt, sondern nur ergänzt. In  der Summe deuten die einschlägigen Indizes darauf hin, dass der Ressourcenverbrauch weiter ansteigen wird. (7) Nur die eisernen Neoliberalen setzen darauf, dass die Wissenschaft der Zukunft schon alle Probleme lösen wird und man für alles Natürliche einen künstlich hergestellten Ersatz entwickeln könne.

 

Für den Kulturkritiker Ivan Illich ist das programmierte Ende der Wachstumsgesellschaft nicht unbedingt eine schlechte Nachricht: „Die gute Nachricht ist, dass wir auf unsere Lebensweise nicht verzichten müssen, um die negativen Auswirkungen einer an sich guten Sache zu vermeiden – so als müssten wir uns zwischen dem Genuss eines vorzüglichen Essens und den damit verbundenen Risiken entscheiden. Nein, dieses Essen ist schlecht, und es wäre ein Glück für uns, wenn wir uns von ihm abwendeten. Anders leben, um besser zu leben.“ (8)

 

Es gibt mindestens drei Gründe, warum die Wachstumsgesellschaft nicht wünschenswert ist: Sie führt zu wachsenden Einkommensunterschieden und zu mehr Ungerechtigkeit, sie produziert einen weitgehend illusorischen Wohlstand, und sie schafft nicht einmal unter den „Bessergestellten“ eine konviviale Gesellschaft, sondern vielmehr eine an ihrem eigenen Reichtum erkrankte Antigesellschaft.

 

Der steigende Lebensstandard, von dem die meisten Bürger des Nordens zu profitieren glauben, erweist sich zunehmend als Illusion. Gewiss, sie können sich für ihr Geld mehr Waren und Dienstleistungen kaufen, doch sie verdrängen die noch schneller steigenden teils monetären teils nichtmonetären Kosten: Die Lebensqualität (Luft, Wasser, Umwelt) wird deutlich schlechter; die moderne Lebensweise verursacht hohe Kompensations- und Reparaturkosten (Arzneimittel, Verkehr, Freizeitvergnügen); die knapper werdenden Güter werden ständig teurer (Mineralwasser, Energie, Grünflächen).

 

Die etablierte Linke: zum Sozialliberalismus verdammt

 

Der Umweltökonom Herman Daly hat mit dem „Genuine Progress Indicator“ (GPI) einen synthetischen Index entwickelt, der das Bruttoinlandsprodukt um die durch Umweltverschmutzung und –belastung verursachten Verluste korrigiert. In den USA stagniert der Index seit Anfang der 1970er Jahre, obwohl das BIP weiterhin zunimmt. (9) Wachstum ist also selbst innerhalb der wohlstandsökonomischen oder konsumgesellschaftlichen Vorstellungswelt ein Mythos, da ihm immer größere Umwelteinbußen gegenüberstehen.

 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wachstumsrücknahme ist kein Ideal an sich, und sie ist auch nicht das einzige Ziel einer Gesellschaft jenseits von Wachstum, nicht das einzige Ziel einer anderen, möglichen Welt. Wachstumsrücknahme ist pure Notwendigkeit. Doch sollten wir aus der Not eine Tugend machen und Wachstumsrücknahme in den Gesellschaften des Nordens als lohnenswertes und nützliches Ziel ansehen. (10) Die Devise der „Wachstumsrücknahme“ fordert zunächst, dass wir uns vom Wachstum um des Wachstums willen verabschieden müssen. Aber Wachstumsrücknahme ist nicht gleichbedeutend mit „negativem Wachstum“, einer widersinnigen und absurden Wortfügung, die nur zeigt, wie sehr die Vorstellung vom ewigen Wachstum unsere Gedanken beherrscht.

 

Bekanntlich geraten unsere Gesellschaften ja schon bei verlangsamtem Wachstum in arge Bedrängnis, führt dieses doch zu Arbeitslosigkeit und zu Einschnitten bei den Ausgaben für Soziales, Kultur und Umweltschutz, die den Menschen ein Mindestmaß an Lebensqualität sichern. Man kann sich also leicht vorstellen, wie katastrophal sich negative Wachstumsraten auswirken würden. So wie es für die Arbeitsgesellschaft nichts Schlimmeres gibt, als dass ihr die Arbeit ausgeht, so gibt es für die Wachstumsgesellschaft nichts Schlimmeres als ausbleibendes Wachstum. Deshalb ist die etablierte Linke zum Sozialliberalismus verdammt und traut sich nicht, die Entkolonialisierung unserer Vorstellungswelt anzugehen. Wachstumsrücknahme lässt sich also nur in einer „Gesellschaft der Wachstumsrücknahme“ ins Auge fassen. Deren Konturen will ich im Folgenden skizzieren.

 

Eine Politik der Wachstumsrücknahme könnte zunächst darin bestehen, die umweltschädigenden Belastungen zu reduzieren, die kein Bedürfnis befriedigen. In Frage zu stellen wäre das erhebliche Volumen des weltweiten Personen- und Warenverkehrs mit den dadurch verursachten negativen Folgen (Stichwort „Relokalisierung“ der Wirtschaft). In Frage zu stellen wäre die reißerische Reklame mit ihren vielfach verheerenden Konsequenzen. In Frage zu stellen wären schließlich auch die Unmengen von Wegwerfprodukten und Gadgets. All dies würde im Sinne einer Wachstumsrücknahme den Verbrauch an materiellen Ressourcen erheblich reduzieren.

 

So gesehen bedeutet Wachstumsrücknahme nicht automatisch sinkenden Wohlstand. Für Marx war 1848 die Zeit der sozialen Revolution gekommen, er glaubte das System reif für den Übergang zur kommunistischen Überflussgesellschaft. Die unglaubliche Überproduktion an Baumwollerzeugnissen und Industriewaren schien ihm mehr als ausreichend, um nach Abschaffung des Kapitalmonopols zumindest die westliche Bevölkerung zu ernähren, zu kleiden und  mit Wohnungen zu versorgen. Dabei war der materielle „Reichtum“ damals ungleich geringer als heute. Es gab weder Autos noch Flugzeuge, weder Plastik noch Waschmaschinen, weder Kühlschränke noch Computer, von Biotechnologie, Pestiziden, Kunstdünger oder Atomenergie zu schweigen. Trotz unerhörter Umwälzungen durch die Industrialisierung waren die Bedürfnisse noch bescheiden, ihre Befriedigung möglich. Das Glück schien, von seinen materiellen Voraussetzungen her, zum Greifen nah.

 

Um eine Gesellschaft der Wachstumsrücknahme anzustreben, müssen wir tatsächlich aus der Logik der Ökonomie aussteigen und das Primat der Ökonomie vor allem in unseren Köpfen in Frage stellen. Eine Vorbedingung hierfür wäre eine drastische Verringerung der Erwerbsarbeitszeit, um allen eine befriedigende Beschäftigung zu sichern. Jacques Ellul, einer der Vordenker einer Gesellschaft der Wachstumsrücknahme, legte die Obergrenze bereits 1981 auf zwei Stunden täglich fest. (11)

 

In Anlehnung an die Charta „Konsumgewohnheiten und Lebensweisen“, die auf dem Forum der Nichtregierungsorganisationen in Rio vorgestellt wurde, lässt sich die Programmatik auf sechs Begriffe bringen:  Neubewerten, Umstrukturieren, Umverteilen, Reduzieren, Wiederverwenden, Recyclen. Diese sechs miteinander verwobenen Ziele wären imstande, einen circulus vitiosus der gelassenen, konvivialen und zukunftsfähigen Wachstumsrücknahme in Gang zu setzen.

 

Hier wird schon deutlich, welche Wertvorstellungen sich ändern müssten: Altruismus statt Egoismus, Kooperation statt ungezügelter Konkurrenz, Muße statt zwanghafter Arbeit, gesellschaftliches Miteinander statt grenzenlosen Konsums, Spaß am schönen Einzelergebnis statt produktivistischer Effizienz, Vernunft statt Rationalität. Das Problem dabei ist, dass die derzeit gültigen Werte Systemcharakter tragen: Sie werden durch das System hervorgebracht und stimuliert, und sie tragen umgekehrt zur Stärkung des Systems bei. Die persönliche Entscheidung für eine andere Wertorientierung, etwa für ein einfaches Leben, mag den herrschenden Trend unterlaufen und die weltanschaulichen Grundlagen des Systems unterminieren, doch ohne eine radikale Infragestellung des Ganzen bleibt sie eher folgenlos.

 

Ein immens utopisches Programm? Wird ein solcher Übergang ohne Revolution, genauer: wird die geistliche Revolution ohne gesellschaftliche Gewalt möglich sein? Die drastische Reduzierung der Umweltbelastung, also der Produktion von Tauschwerten, die stoffliche Träger erfordern, erfordert nicht unbedingt eine Beschränkung der Produktion von Gebrauchswerten in Gestalt von immateriellen Produkten. Letztere können zumindest teilweise ihre Warenform behalten.

 

Markt und Profit mögen als Indikatoren für knappe Güter weiterhin ihre Berechtigung haben, doch als Grundlage des Systems haben sie abzudanken. Man mag sich fortschrittliche Etappenziele ausdenken, doch ob sie von den betroffenen „Privilegierten“ einfach hingenommen würden, lässt sich ebenso schwer beantworten wie die Frage, ob sie bei den derzeitigen Opfern des Systems Zustimmung fänden, die geistig wie physisch „an der Nadel“ ebendieses Systems hängen. Es sieht jedenfalls ganz danach aus, als hätte die Hitzewelle, die Südwesteuropa im Sommer dieses Jahres heimsuchte, mehr als all unsere Argumente dazu beigetragen, die Notwendigkeit einer Gesellschaft der Wachstumsrücknahme ins allgemeine Bewusstsein zu rücken. Zur Entkolonisierung unserer Vorstellungswelt wird künftig wohl vor allem die erzieherische Wirkung von Katastrophen beitragen.

 

1)       Siehe Le Monde, 16. Februar 2002.

2)       Fabrice Nicolino, « Retraite ou déroute ? », Politis, 8. Mai 2003. Geschürt würde diese Krise vor allem durch fragwürdige Formulierungen von Fabrice Nicolino, der die soziale Bewegung als « fröhliches Stelldichein korporatistischen Krakeels » bezeichnete : « Der Herr will weiterhin mit 58 in Rente gehen – schau an, er ist Lokführer, schuftet im Bergwerk, ganz wie in ‘Germinal’ ! »

3)       Politis, 12. Juni 2003.

4)       Vandana Shiva, „Der Kampf ums blaue Gold“, Zürich (Rotpunktverlag) 2003.

5)       Gianfranco Bologna (Hg.), “Italia capace di futuro”, Bologna (WWF-EMI), 2001, S. 86 – 88.

6)       “The Business case for sustainable development”, Positionspapier des World Business Council for Sustainable Development für den Johannesburger Gipfel.

7)       Mauro Bonaiuti, Nicholas Georgescu-Roegen, “Bioeconomia. Verso un’ altra economia ecologicament e socialmente sostenible”, Turin (Bollati Boringhieri) 2003; v.a. S. 38 – 40.

8)       Jean-Pierre Dupuy, “Ivan Illich ou la bonne nouvelle”, Le Monde, 27. Dezember 2002.

9)      C. Cobb, T. Halstead u. J. Rowe, “The Genuine Progress Indicator: Summary of Data and methodology. Redefining Progress”, 1995. Dies., „If the GDP is up. Why is America down?”, Atlantic Monthly 276 (Oktober 1995), San Francisco.

10)    In den Ländern des Südens steht dieses Ziel noch nicht auf der Tagesordnung. Obwohl die Wachstumsideologie auch dort anzutreffen ist, kann von „Wachstumsgesellschaften“ in den meisten Fällen keine Rede sein.

11)  „Changer de révolution“, zit. n. Jean-Luc Porquet, « Ellul. L’homme qui avait (presque) tout prévu », Le cherche midi, 2003, S. 212f. Siehe dazu auch das Gespräch mit Ellul, aus dem das Zitat im Vorspann stammt : Patrick Chastenet, « La table ronde », Paris 1994, S. 342.

 

Deutsch von Bodo Schulz