Warum man die Globalisierung kritisieren soll --

 

Ein Versuch, etwas theoretische Klarheit in der Verwirrung zu schaffen

 

Saral Sarkar

 

(Dezember 2002)

 

I. Einleitung

 

Schon seit einiger Zeit verursacht die Bezeichnung unserer Bewegung etwas Verwirrung: Sind wir eine Antiglobalisierungsbewegung oder eine globalisierungskritische? Manche neuen Mitstreiter in unserer Bewegung sagen etwas verwundert: Wieso ist die Globalisierung überhaupt schlecht? Es gibt da sicher einige negative Aspekte, die korrigiert werden sollten. Aber es ist doch gut, wenn die Völker der Erde durch Handel und globale Kommunikation wirtschaftlich, kulturell und in anderen Dingen einander näher kommen.

    Als 1997 die Kampagne gegen das damals in Verhandlung befindliche Multilaterale Abkommen über Investitionen (MAI) begann, versuchten wir in Deutschland (damals nannten wir uns "Komitee Widerstand gegen das MAI") mit mehreren NGOs zusammenzuarbeiten, z.B. WEED, German Watch, BUND usw. Auf einem Treffen mit diesen Organisationen merkten wir schon damals, dass es da zwei unterschiedliche Positionen gab. Wir vertraten die Position, dass das MAI als Ganzes abgelehnt werden sollte. Einige andere meinten aber, ein besseres Abkommen müsse her. Ein Teilnehmer drückte sein Argument ungefähr so aus: Investitionen im Ausland seien schon eine Realität. Zur Zeit würden sie durch etwa 1600 bilaterale Abkommen geregelt. Reiche Industrieländer nötigten bei bilateralen Verhandlungen armen Entwicklungsländern, die insbesondere ausländische Investitionen begehrten, für sie ungünstige Bedingungen auf. Es sei also besser, wenn ein für alle gültiges, für die letztere Gruppe günstiges Investitionsabkommen zustande käme. Die Frage konnte nicht ausdiskutiert werden -  das musste sie auch nicht, da ja die Zusammenarbeit nicht sehr eng war. Schon in diesem Anfangsstadium der Bewegung wurde mir klar, dass es nicht nur um die Haltung gegenüber einem multilateralen Investitionsabkommen ging, sondern um viel mehr, nämlich um wirtschaftliche Globalisierung insgesamt – um Investitionsfreiheit, um pro und contra freien Welthandel, und darum, ob Wachstum des Welthandels begrüßenswert ist.            

    Etwa zweieinhalb Jahre später, nach Seattle (also etwa im Januar 2000), wurde in der deutschen Bewegung die Meinung geäußert, die EU müsse aufhören, ihre Bauern vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, das sei gegen den Geist des freien Welthandels. Der Dritten Welt entgingen dadurch große Einkommensmöglichkeiten. Schon früher wurde ähnliche Kritik gegen die GATT-Bestimmungen zum Schutz der Textilindustrien der entwickelten Industrieländer geäußert. Oxfam, das auch an der Kampagne gegen das MAI beteiligt war, wiederholt heute nur diese Position. Die Grundlage einer solchen Position ist die prinzipielle Bejahung des Wachstums des Welthandels:

 

"Der Welthandel hat das Potential, ein kräftiger Motor für die Reduzierung der Armut und Förderung des Wirtschaftswachstums zu sein, aber dieses Potential geht ungenutzt verloren. Es ist nicht so, dass der internationale Handel schon an sich den Bedürfnissen und Interessen der Armen entgegensteht. Das ist nicht das Problem, sondern, dass die Bestimmungen, die ihn regeln, zugunsten der Reichen zusammengebastelt wurden." (Oxfam 2002)

 

    In unserer Bewegung gibt es heute niemanden, der ganz freien Welthandel fordert, auch Oxfam nicht. Man fordert faire Regeln dafür, oder man will ihn bewusst so gestalten, dass er der gesamten Menschheit, insbesondere den unterentwickelten Ländern, zugute kommt. Ein ungefährer Konsens ist entstanden: Wir sind gegen neo-liberale, konzerngesteuerte wirtschaftliche Globalisierung, und wir sind für Globalisierung von unten. Das alles verlangt nach einer Menge Erläuterung. Vor allem aber bleibt die Frage, ob das Wachstum des Welthandels begrüßenswert ist. In diesem Artikel unternehme ich den Versuch, ein bisschen theoretische Klarheit in der Verwirrung zu schaffen.

 

 

II. Argumente für freien Welthandel. Theorie des komparativen Vorteils

 

Wenn man in einem Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre das Kapitel über die Theorie des internationalen Handels liest, scheint das Plädoyer für freien Welthandel und Wachstum desselben recht überzeugend zu sein. Es macht in der Theorie keinen Unterschied, ob man über Handel zwischen zwei Staaten oder multilateralen Handel, also Welthandel, redet. Es macht auch keinen Unterschied, ob es um Handel zwischen Staaten oder zwischen Regionen desselben Staates geht. Ein etwaiges Gefälle im Entwicklungsniveau der Handelspartner spielt ebensowenig eine Rolle. Alle Beteiligten profitieren vom Handel, solange er frei ist, bzw. solange die Regeln fair sind und für alle gleichermaßen gelten. Das ist auch das Argument der Liberalisierer in der WTO, der Weltbank und im IWF. Auf die Kritik, dass die Regeln weder fair noch allgemeingültig sind, erwidern die Liberalisierer mit der Forderung, sie müssen mittel- oder langfristig fair und allgemeingültig gemacht werden. Wenn einer nun gegen die Liberalisierung des Welthandels und dessen Wachstum kämpft, kann man ihm vorwerfen, er wolle, dass sich die gegenwärtige weltweite Wirtschaftskrise verschärft. Was sagen wir dazu?

    Das Argument der Theorie ist wie folgt: Die Region (oder Land) A importiert die Ware X, die sie nicht produzieren kann, von der Region B, die diese Ware produzieren kann, und bezahlt den Import durch den Export der Ware Y, die sie produzieren kann, B aber nicht. Sowohl die Region A als auch die Region B profitieren von dem Handel. Das ist das einfachste und überzeugendste Argument für Handel. (Dieses Argument gilt auch für Individuen, die in derselben Region leben.). Aber was soll man sagen, wenn beide Regionen beide Waren – sowohl X als auch Y – produzieren können? Sollen sie für sich selbst beides produzieren? Nein. Hier kommen die bekannten Vorteile der Spezialisierung (Arbeitsteilung) und Größendegression (economies of scale) als Argument. Jede Region soll sich auf die Ware spezialisieren, die sie kostengünstiger produzieren kann als die andere Region. Auch das ist, wirtschaftlich gesehen, einleuchtend.

    Das Argument für (internationalen) Handel wird etwas komplizierter, wenn die Region A in beiden Branchen produktiver ist als die Region B. Die Theorie sagt, dass die Region A sich auch dann auf die Ware Y spezialisieren soll, in der sie eine höhere Produktivität hat, und die andere Ware, nämlich X, von der Region B importieren soll, die ihrerseits die Ware Y von der Region A importieren soll. In der Theorie sagt man dann, die Region A hat in der Branche Y ihren komparativen Vorteil und die Region B in der Branche X. Bei den Fällen des vorigen Absatzes redet man vom absoluten Vorteil.

    Ricardo hatte im Jahre 1817 diese Erkenntnis mit einem Beispiel dargelegt, bei dem Portugal und England vom jeweils anderen Tuch respektive Wein importierten, obwohl Portugal bei der Herstellung von beiden Waren produktiver als England war. Hier ist nicht genug Platz für eine ausführliche Darlegung der Theorie. Wer das Argument etwas gründlicher verstehen will, soll in einem Lehrbuch lesen, z.B. in dem von Samuelson und Nordhaus (1989). Ich präsentiere hier nur das von diesen Autoren benutzte Schema (S. 903), in dem sie annehmen, dass nur zwei Länder und nur zwei Produkte am Handel beteiligt sind und dass Arbeitsaufwand der einzige Aufwand in der Produktion ist (in meiner Übersetzung aus dem englischen Original):

 

 

 

 

Amerikanischer und europäischer Arbeitsaufwand für Produktion

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                                                            notwendige Arbeitszeit

                                                         -----------------------------------

            Produkt                            in Amerika             in Europa

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1 Einheit Lebensmittel        1 Arbeitsstunde       3 Arbeitsstunden

1     ,,       Kleidung              2          ,,                  4          ,,

 

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In diesem hypothetischen Beispiel hat Amerika sowohl bei Lebens-
mitteln als auch bei Kleidung einen niedrigeren Arbeitsaufwand.

Amerikanische Arbeitsproduktivität ist 2- bzw. 3mal höher als die

von Europa. ... Dennoch lohnt es sich für beide Regionen, mit-

einander Handel zu treiben.

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Zum besseren Verständnis der Theorie möchte ich hier ein paar Sätze hinzufügen. Der Produktivitätsabstand zwischen den zwei Regionen ist bei den zwei Waren unterschiedlich. Amerikas Produktivitätsüberlegenheit bei Lebensmitteln ist höher (1 : 3) als bei Kleidung
(2 : 4). Das heißt, Amerika hat bei Lebensmitteln einen komparativen Vorteil. Es soll sich also auf Lebensmittelproduktion und -exprort spezialisieren. Die Produktivitätsunterlegenheit von Europa ist niedriger bei Kleidung als bei Lebensmitteln. Das heißt, sein komparativer Vorteil im Handel liegt bei Kleidungsproduktion und -export. Die Frage, die hier entsteht, ist, warum die Amerikaner überhaupt Kleidung aus Europa importieren sollen, wo sie auch bei Kleidungsproduktion produktiver sind. Die Antwort liegt in der Annahme, dass die Amerikaner in dem Prozess des Handels und der Spezialisierung Arbeitskräfte aus der Kleidungsproduktion abziehen und sie in die rentablere Lebensmittelproduktion stecken. Die Europäer machen das Umgekehrte. Weil nun die Amerikaner keine Kleidung mehr produzieren, kann Europa seine Kleidung in Amerika verkaufen. Ein anderer Punkt, den wir bei dieser Frage bedenken sollen, ist einer, den wir schon aus der Handelsbeziehung zwischen den Industrieländern und den Entwicklungsländern kennen. Weil (unter anderem) die europäische Produktivität niedriger ist als die amerikanische (so die Annahme in dem Schema), sind auch die europäischen Löhne niedriger als die amerikanischen.

    Zumindest die theoretische Beweisführung für die Theorie erscheint als überzeugend. Das bestätigt auch Herman Daly (1990: 209), ein renommierter Ökonom, der die neoliberale Globalisierung und das Wachstum des Welthandels kritisiert. Klar, die Verhältnisse in der realen Weltwirtschaft sind sehr viel komplizierter als dieses theoretische Schema. Aber auch in der realen Weltwirtschaft sind Tausende von sinnvollen Spezialisierungen zu beobachten. Zum Beispiel importiert Japan Jumbo-Jets aus den USA, obwohl es solche Flugzeuge auch selbst produzieren könnte. Und die USA importieren Kameras aus Japan, obwohl sie selbst diese Geräte produzieren könnten. Die Vorteile der Spezialisierung und des liberalisierten Welthandels und dessen Wachstums können also nicht geleugnet werden. Das gilt nicht nur für das kapitalistische System. Auch im ehemaligen "sozialistischen" RGW-Block funktionierten die Planwirtschaften der einzelnen Länder arbeitsteilig.

    Es liegt auch auf der Hand, dass Versuche, bestimmte nationale Industrien durch Zollmauern und andere Maßnahmen zu schützen, den Prozess der Arbeitsteilung (Spezialisierung) unter den verschiedenen Volkswirtschaften beeinträchtigen und folglich die daraus entstehenden Vorteile der Größendegression (economies of scale) schmälern. Wenn z.B. US-Industrielle versuchen würden, Kameras in Amerika zu produzieren, und der Staat sie mittels erhöhter Zölle im heimischen Markt schützen würde, würden sowohl die japanische als auch die amerikanische Kamera-Industrie kleinere Serien produzieren können, mit der Folge, dass sich die Produktionskosten erhöhen würden. Außerdem würde Japan Vergeltung üben. Die gesamte Weltproduktion würde dadurch einen Rückgang erfahren.

    Diese Erfahrung hat die Weltwirtschaft schon in den 1930er Jahren gemacht. Während der Großen Depression (1929 - 1933) versuchten die meisten Industrieländer, ihre eigenen Industrien zu fördern bzw. zu schützen, indem sie ihre Währungen durch Abschaffung des Goldstandards abwerteten oder deren Abwertung auf dem Devisenmarkt zuließen. Bekanntlich fördert die Abwertung der Währung eines Landes den Export und drosselt den Import. Das war eine verallgemeinerte Form von Protektion. Aber es gab auch den offenen, partikulären Protektionismus durch Erhebung oder Erhöhung von Zöllen. Da aber jedes Industrieland mit den gleichen Methoden dasselbe zu erreichen versuchte, gab es keinen Gewinner, sondern nur Verlierer. Diese Politik vertiefte nur die Depression (Siehe Galbraith 1995, 127 - 128). Wenn also heute Establishment-Ökonomen sagen, der Welthandel müsse liberalisiert werden, damit er wachse, sonst verschärfe sich die gegenwärtige weltweite Krise, hat das eine gewisse Berechtigung.

    Warum kritisieren wir denn überhaupt die Liberalisierung der wirtschaftlichen Globalisierung, zumindest viele von uns? Warum verwarfen in der Geschichte viele Länder – auch nach der Formulierung der Theorie des komparativen Vorteils und selbst nach der schlimmen Erfahrung mit der Depression der 1930er Jahre – das Prinzip des Freihandels und versuchten, sich umfassend zu industrialisieren, statt sich zu spezialisieren?

 

 

III. Die Annahmen der Theorie und die Wirklichkeit

 

Die Antworten auf diese Fragen liegen zum Teil in der Sphäre der politischen und zum Teil in der Sphäre der wirtschaftlichen Wirklichkeit.

    Eine Theorie kann nur richtig sein, wenn und soweit die ihr zugrunde liegenden Annahmen stimmen. Das ist hier nicht oder nur begrenzt der Fall. Zwar muss eine Theorie von konkreten Einzel- und Ausnahmefällen abstrahieren. Sonst ist keine Theoriebildung möglich. Wenn sie aber sozusagen von dem Regelfall abstrahiert, dann ist ihre Überzeugungskraft gering.

 

Die politische Wirklichkeit

 

    In der Theorie des internationalen Handels wird angenommen, dass alle Beteiligten gleichberechtigt sind, dass sie freiwillig daran teilnehmen und dass sie nur durch fairen Handel reich werden wollen. Die Möglichkeit und die historische Realität, dass mächtige, imperialistische Länder militärisch und/oder wirtschaftlich andere, insbesondere schwache und wirtschaftlich unterentwickelte Länder (oder zumindest ihre Märkte) erobern bzw. kontrollieren, um dann durch koloniale oder halbkoloniale Herrschaft ihre natürlichen Reichtümer und Arbeitsprodukte quasi plündern zu können, wird in der Theorie nicht berücksichtigt. Das aber war bzw. ist immer noch (oder wieder) ein Großteil der Wirklichkeit. Vor diesem (historischen) Hintergrund sind die Entstehung des Nationalismus und der Wille zur politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit und selbständigen Entwicklung verständlich, sogar rational. Angesichts der Wichtigkeit der Nahrungssicherheit und angesichts der Tatsache, dass die USA in vergangenen Jahrzehnten Weizenlieferungen als eine politische Waffe, als ein Erpressungsmittel, benutzt haben, ist insbesondere eine Landwirtschaftspolitik des "Food First", d.h. weitestgehender Selbstversorgung, sehr wichtig, und zwar für alle Länder, inklusive der EU (vgl. Shiva 2002, und Bové und Dufour 2001).

    In der heutigen Welt geschieht die Eroberung der schwachen Länder, d.h. ihrer Märkte und Ressourcen, hauptsächlich durch die transnationalen Konzerne (TNK) der mächtigen und großen Industrieländer. Einsatz der Militärs direkt zu diesem Zweck ist nur selten nötig, denn die TNKs und ihre Heimatländer besitzen genügende Erpressungsmittel im Bereich der Wirtschaft und des Handels.

    Dass protektionistische Maßnahmen die Große Depression der 1930er Jahre verschlimmerten, ist oben erwähnt worden und als Argument gegen solche Maßnahmen überzeugend. Aber bei der Diskussion über diesen Punkt darf man nicht vergessen, dass in den 1930er Jahren (und auch danach) diese Diskussion sich auf Länder von Europa und Nordamerika beschränkte, die schon industrialisiert waren und die nicht unter den Problemen litten, unter denen heute die Schwellen- bzw. unterentwickelten Länder leiden, nämlich unter Wirtschaftskolonialismus. Dennoch kann man heute auch in den hoch entwickelten Industrieländern politische Verhältnisse feststellen, die sich in einem etwas anderen Sinne kolonialistisch ausnehmen. Zwar nicht fremde politische Mächte, aber doch das globale Kartell der transnationalen Konzerne – vertreten durch ihre Verbände wie die International Chamber of Commerce (ICC), ihre Freunde in den Regierungen, ihre Lobbyisten usw. und mittels multilateraler Verträge wie der WTO und NAFTA – diktieren faktisch den Volksvertretern dieser Länder, wie die Wirtschafts- und andere relevanten Politiken sein sollen. Diese faktische Aushebelung der Demokratie und Souveränität ist Grund genug für viele Menschen in den Industrieländern, sich der neoliberalen, wirtschaftlichen Globalisierung zu widersetzen.

    Die Lehrbuchautoren beweisen die logische Richtigkeit der Theorie unter der Annahme, dass die Politik im Handel keine Rolle spielt. Aber politisch motivierte Embargos, Boykotts, Präferenzen  und andere Maßnahmen spielen regelmäßig eine nicht zu vernachlässigende Rolle in internationalem Handel.

 

 

Die wirtschaftliche Wirklichkeit

 

Auch Lehrbuch-Autoren haben eine große Diskrepanz zwischen den Annahmen der Theorie und der wirtschaftlichen Wirklichkeit festgestellt und deswegen die Gültigkeit der eleganten Theorie des komparativen Vorteils relativiert. Die Theorie nimmt – wie im allgemeinen die gesamte, alte klassische Wirtschaftstheorie – reibungslos funktionierende Volkswirtschaften an, in denen sich Preise und Löhne schnell der Marktlage anpassen und in denen es keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit geben kann. Sie nehmen mittel- bis längerfristige Vollauslastung von allen Kapazitäten an, nicht nur von Arbeitskraft, sondern auch von Kapital. Nicht nur Ökonomen, sondern auch Laien wissen, dass diese Annahmen weltfremd sind. Es gibt in kapitalistischen Wirtschaften sowohl konjunkturelle als auch strukturelle Arbeitslosigkeit. Und konjunkturelle Auf- und Abschwünge und Perioden von Stagnation und Depression gehören einfach zum kapitalistischen Wirtschaftssystem. Wenn die Führer eines Landes Massenarbeitslosigkeit nicht einfach hinnehmen wollen, dann müssen sie auf einige Vorteile des freien Welthandels verzichten und auch in den Branchen der Wirtschaft Arbeitsplätze zu schaffen oder zu verteidigen versuchen, in denen ihr Land einen komparativen Nachteil hat. Um diese Branchen vor dem Ruin zu schützen, müssen sie eben Zoll- und andere Mauern errichten.

    Es gibt zudem keine Garantie dafür, dass die Arbeitslosen der Branchen, die wegen ihres komparativen Nachteils auf dem Weltmarkt aufgegeben würden, in den Branchen Arbeit finden würden, die wegen ihres komparativen Vorteils florieren würden. Das ist aber eine grundlegende Annahme der klassischen Theorie des freien Welthandels. Sie ist erstens deswegen falsch, weil Arbeiter nicht bloß abstrakte Arbeitskräfte sind, die beliebig angelernt und hin und her geschoben werden können, sondern Menschen. Aus einem ruinierten älteren Bauern z.B. einen Stahlkocher zu machen, ist nicht nur äußerst schwer, sondern auch ein unmenschliches Unterfangen. Die Ignorierung der menschlichen Dimension ist allerdings ein fester Bestandteil der Rationalität des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems, nicht allein der klassischen Wirtschaftstheorie. Nur ein ins Wirtschaftsgeschehen intervenierender Staat, der auch ein Wohlfahrtsstaat sein musste, und die Gewerkschaften haben geschichtlich die Gesellschaft einigermaßen vor der brutalen Rationalität des Kapitalismus gerettet.

    Zweitens kann es bei unaufhörlich fortschreitender Automation in der Industrie und Mechanisierung in der Landwirtschaft nicht einmal die volle Ausnützung aller komparativen Vorteile eines Landes schaffen, den säkularen Trend zur steigenden Arbeitslosigkeit zu brechen. Die Annahme der Theorie, dass die Ressource Arbeitskraft knapp ist, so dass in Amerika in dem obigen schematischen Beispiel für die spezialisierungsbedingte Expansion der Lebensmittelbranche Arbeitskräfte aus der Kleidungsbranche abgezogen werden muss, ist also schlicht falsch. Hinzu kommt, dass in den meisten Ländern der Welt – demographisch oder immigrationsbedingt – die Bevölkerungszahl wächst. Die Wachstumsraten der Wirtschaft, die heute notwendig wären, Vollbeschäftigung zu erreichen, sind nicht mehr erreichbar – aus Gründen, die ich an anderer Stelle dargelegt habe (Siehe Sarkar 2001).

    Zumindest in der Lehrbuch-Darlegung der Theorie des komparativen Vorteils, die ich gelesen habe, wird der Einfachheit halber angenommen, dass der Transport der Güter nichts kostet. Wie gerechtfertigt ist diese Annahme? Zwar sind zur Zeit wegen der niedrigen Energiepreise die Kosten von Transport von Gütern über lange Strecken eine unbedeutende Größe. Die Energiepreise werden aber langfristig unweigerlich steigen. Möglichst viel, insbesondere lebenswichtige Güter, im eigenen Land mit eigenen Ressourcen zu produzieren, statt zu importieren, wird dann nicht nur vom politischen, sondern  auch vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet rational erscheinen.

    Das theoretische Modell des freien internationalen Handels sagt uns eigentlich nur, dass alle beteiligten Händler  davon profitieren und dass das Gesamtprodukt der in dem vereinigten Markt erfassten Region wächst. Es garantiert nicht, dass das Gesamtprodukt von jedem der beteiligten Länder wachsen wird. Denn das gewachsene Gesamtprodukt der Region kann sehr ungleich verteilt werden. Die bisherige Erfahrung mit dem Welthandel zeigt, dass die Industrieländer den Löwenanteil des gewachsenen Gesamtprodukts an sich reißen können. Dank ihrer Macht an den internationalen Waren- und Rohstoffbörsen der Welt können sie durch Manipulationen die Preise der meisten Produkte der Entwicklungsländer herabdrücken. Das Modell garantiert auch nicht, dass die Länder A und B nicht versuchen würden, auf Kosten der anderen Mitgliedsländer des vereinigten Marktes gegenseitig vorteilhafte Geschäfte zu machen (Daly und Cobb Jr. 1990, 211). Unter diesen Umständen ist Spezialisierung auf ein (oder einige wenige) Produkt(e) – Kaffe, Kakao oder Tee – schlechte Geschäftspolitik. Eher Diversifikation ist ratsam.

    Diese Kritik von Daly und Cobb Jr. ist richtig. Aber sie sollte an das gesamte kapitalistische System gerichtet werden. Ein Teil des Systems, nämlich freier internationaler Handel, kann nicht grundsätzlich anders sein als das gesamte System. Ungleiche Verteilung des zunehmenden Gesamtprodukts unter den Regionen findet auch innerhalb von nationalen Grenzen statt. Auch innerhalb von Deutschland gibt es keine Garantie, dass das Gesamtprodukt von z.B. Brandenburg wachsen wird, wenn das von Deutschland wächst.

    Es ist auch nicht richtig, dass das Modell nur den Händlern Vorteile verspricht. Es verspricht zumindest auch denjenigen Vorteile, die nach der Öffnung des Marktes ihren Job nicht verloren haben. Denn es ist unbestreitbar, dass die Preise und/oder Qualitäten der importierten Waren, die die gleichen einheimischen Produkte verdrängt haben, niedriger bzw. besser sind als die der letzteren, was zum erhöhten Realeinkommen führt. Die Richtigkeit dieser Behauptung der Theorie kann jeder in einem deutschen Kaufhaus feststellen.   

    Eine sehr bekannte Behauptung der Protagonisten des freien Welthandels ist allerdings falsch, nämlich die, die in die Metapher gekleidet wird: "Wenn die Flut steigt, steigen alle Boote". Zahlreiche Armutsberichte in verschiedenen Ländern belegen, dass viele Menschen ärmer werden, während das Gesamtprodukt des Landes und der Welt wächst. Das Bild ist schlicht falsch; Menschen leben auf dem Land. Auch das andere Bild mit Wasser ist falsch, das von dem durchsickernden, wachsenden Reichtum (trickle-down effekt). Das ist aber eine Kritik, die, wie schon oben bemerkt, das gesamte kapitalistische System trifft. Eine überzeugende Kritik speziell an freiem Welthandel und dessen Wachstum betrifft einen anderen Bereich, den ich weiter unten behandle.

    Ein anderer Kritikpunkt: Daly und Cobb Jr. (1990, 213 ff) weisen darauf hin, dass Ricardo, als er seine Theorie des komparativen Vorteils formulierte, von der internationalen Immobilität des Kapitals (bei hoher Mobilität von Gütern) ausging. Er sprach von "der Schwierigkeit, die das Kapital bei seiner Suche nach profitableren Investitionsmöglichkeiten hat, sich von einem Land ins andere zu bewegen" (zit. nach ibidem). Das ist genau der Grund dafür, dass komparative Vorteile existierten und internationaler Handel auf deren Grundlage sinnvoll war. Mit Bezugnahme auf das berühmte Beispiel von Ricardo erläutern Daly und Cobb Jr. das Argument wie folgt:

 

"... wenn das Kapital ungehindert über nationale Grenzen fließen könnte, wäre die Situation international genau so wie in einem einzigen Land. Englisches Kapital würde nach Portugal fließen, um portugiesisches Kapital zu ergänzen, und sowohl Wein als auch Tuch würde dort produziert. Wenn sich auch Arbeiter ungehindert über nationale Grenzen bewegen könnten, gingen auch englische Arbeiter nach Portugal, denn in England gäbe es [für sie] keine Arbeit." (ibidem, S. 213 - 214)

 

In der heutigen Welt kann das Kapital ungehindert über die nationalen Grenzen fließen, Arbeiter aber dürfen oder wollen das in den meisten Fällen nicht. Der freie Fluss von Kapital und Gütern hat zur Folge, dass Investitionen durch absolute Rentabilität entschieden werden, nicht durch komparative Vorteile.

    Ein Teil unserer Bewegung, z.B. der Protest der von Arbeitslosigkeit bedrohten US-amerikanischen Arbeiter gegen die Verlagerung von Produktion von den USA nach Mexiko, ist eben durch diese Freizügigkeit des Kapitals verursacht. Ricardo konnte 1817 nicht einfallen, diese damals hypothetische Situation durchzudenken. Wir können es aber heute. Wir können nicht sagen, dass die Freizügigkeit des Kapitals ein eindeutiges Übel ist. Daly und Cobb Jr. haben im obigen Zitat von Ergänzung des einheimischen Kapitals durch einwanderndes ausländisches Kapital gesprochen. Für kapitalarme Entwicklungsländer und ihre Massen von Arbeitslosen ist eine solche Ergänzung willkommen. Das einzig Negative dabei ist, dass der Gewinn nicht im Lande bleibt. Hier sehen wir einen Interessengegensatz zwischen den Arbeiterklassen der entwickelten und unterentwickelten Länder. Es gibt aber Standortkonkurrenz auch unter Industrieländern. Ungebundenes Kapital fließt auch von einem Industrieland in ein anderes sowie von einem unterentwickelten Land in ein anderes. Die Existenz oder das Fehlen von starken Gewerkschaften, aber auch andere kleine Vor- oder Nachteile genügen als Anreiz dazu. Die Anarchie und die Krisenanfälligkeit des kapitalistischen Systems wird dadurch gesteigert, insbesondere durch vagabundierendes, spekulatives Kapital.

    Was aber aufgrund der Freizügigkeit des Kapitals auch geschieht ist, dass in bestimmten Branchen das einheimische Kleinkapital von starkem transnationalem Kapital von dem Markt verdrängt wird – z.B. einheimische Imbissbuden durch die McDonalds-Kette oder Bauern durch transnationale Agribusiness-Konzerne. In der Welt als Ganzes ist heute, im Gegensatz zu der Annahme von Ricardo und den Lehrbuchautoren, die Ressource Kapital (sowie Arbeitskraft, wie oben gezeigt) nicht begrenzt. Solche Verdrängungen geschehen auch durch internationalen Handel mit Gütern. Lokale Hersteller einer Ware können durch Billigimporte aus dem Markt verdrängt werden. Viehzüchter in der Sahel-Zone von Afrika wurden z.B. durch den Import von durch Subventionen verbilligtem Fleisch aus der EU ruiniert. Die Konsumenten in der Sahel-Zone haben natürlich das billigere Fleisch gekauft. Das Problem bei unserer Kritik an solchen Importen war und ist die Frage, warum die Konsumenten nicht die billigere Ware genießen dürfen. In einer ähnlichen Situation werden die Bauern – insbesondere kleinere und Mittelbauern – in der EU sein, sollten die Politiker den EU-Agrarmarkt ganz öffnen. Dem gleichen Problem standen US-amerikanische Stahlarbeiter gegenüber, die zu Tausenden ihren Job verloren, weil Stahlverbraucher in den USA (z.B. im Hausbau) zollfrei importierten Stahl zu niedrigeren Preisen erstehen konnten als US-Stahl. Der gegenwärtig bei der WTO angefochtene Versuch der US-Regierung, die US-amerikanische Stahlindustrie durch (höhere) Zölle zu schützen, hat den Verlust von Stahl-Arbeitsplätzen in anderen Ländern zur Folge, z.B. in Südkorea.

    Wir sehen, die Gemengelage der widersprüchlichen Interessen der uns nahestehenden Bevölkerungsgruppen macht uns das Leben schwer. Das ist auch ein Grund für die Auseinandersetzung zwischen Oxfam und Vandana Shiva. Es genügt nicht, dass wir alle (so unser Minimalkonsens) die TNKs hart kritisieren, die Kontrolle des internationalen Finanzmarktes fordern usw.

 

 

Das Nachhaltigkeits- (oder Zukunftsfähigkeits-)kriterium

 

Dass die Wirtschaft jedes Landes, ja der ganzen Welt, nachhaltig sein müsste, ist, was die Zukunftsperspektive betrifft, inzwischen auch ein Minimalkonsens von grundsätzlicher Bedeutung, ein Basisprinzip unserer politischen Arbeit. Bei der Interpretation des Begriffs gibt es aber große Differenzen, und das eigentlich ist die tiefere Ursache der anderen Hauptdifferenzen, die sich beispielhaft in der Auseinandersetzung zwischen Oxfam und Shiva manifestieren.

    Oxfam sagt in dem folgenden Zitat, was es unter Nachhaltigkeit (Zukunftsfähigkeit) versteht:

 

"Das bestehende Welthandelssystem kann man nicht verteidigen, und es ist nicht zukunftsfähig (unsustainable). Keine zivilisierte Gemeinschaft sollte bereit sein, die Extreme von Wohlstand und Armut zu tolerieren, die die herrschende Handelspraxis erzeugt. Große Teile der Entwicklungsländer werden zu Enklaven von Verzweiflung, die zunehmend marginalisiert und von dem wachsenden Reichtum ausgeschlossen werden, der durch den Handel zustande kommt. Geteilte Prosperität kann nicht auf einer solchen Grundlage aufgebaut werden. Genau wie die wirtschaftlichen Kräfte, die die Globalisierung vorantreiben, werden auch die Wut und sozialen Spannungen, die die Ungleichverteilung von Reichtum und Chancen begleiten, keine nationalen Grenzen respektieren. Die Instabilität, die sie hervorbringen werden, bedroht uns alle. In der globalisierten Welt von heute ist unser Leben mehr als je zuvor unlösbar verknüpft mit dem von anderen. Das gilt auch für unseren Wohlstand. Als globale Gemeinschaft werden wir zusammen schwimmen oder zusammen untergehen." (Oxfam 2002)

 

    Für Shiva (2002) aber bedeutet Nachhaltigkeit etwas ganz Entgegengesetztes. Während Oxfam den wachsenden Reichtum, der durch den Handel zustande kommt, begrüßt und nur die kommende Instabilität und die Wut und Verzweiflung der Armen fürchtet, die den Wohlstand der Reichen bedrohen, ist Shiva um die ökologische Nachhaltigkeit der Entwicklungsländer und um die Sicherung eines bescheidenen Lebensunterhalts für die Armen besorgt. Sie hat sich offensichtlich die Hoffnung abgeschminkt, dass in ihrem Land Indien die Mehrheit der Bevölkerung je den Wohlstand erreichen würde, von dem Oxfam redet. Darum sieht sie in dem Prozess des Exports von Rindfleisch aus Indien den Verlust von einer wertvollen Quelle von Energie und Düngemittel, die die Tiere liefern würden, würden sie nicht geschlachtet (Es ist nicht klar, ob sie etwas dagegen hätte, wenn nur Rinder geschlachtet würden, die weder Energie als Zugtier noch Milch liefern können). Sie schreibt auch von der riesigen Summe von Devisenausgaben, die sich Indien hätte ersparen können (durch unterlassenen Import von Kunstdünger und fossiler Energie, nehme ich an), wenn es die Tiere hätte länger leben lassen.

    Shiva hat die Grenzen des Wachstums als eine Tatsache akzeptiert – nicht nur in Bezug auf die Kapazität der Natur, die von Menschen verursachte Degradation der Umwelt zu absorbieren, sondern auch in Bezug auf die Verfügbarkeit von Ressourcen. Sie schreibt:

 

"Da Agrarhandel auf Land, Wasser und Biodiversität beruht und da verfügbares Land und Wasser begrenzt sind, zweigt die export-orientierte Agrarpolitik Land und Wasser von der Produktion von Grundnahrungsmitteln für lokalen Verbrauch ab. Die Schwerpunktsetzung auf Export verschiebt den Gebrauch der Naturressourcen der armen Länder hin zur Produktion von Luxusartikeln für reiche Konsumenten in reichen Ländern, und zwar zu geringen Kosten. Sie bewirkt, dass die Kontrolle über die Ressourcen aus den Händen von kleinen Bauern und Fischern und in die Hände der Agribusiness-Konzerne gerät. Sie zerstört die natürliche Ressourcenbasis durch nicht-nachhaltigen Verbrauch, zerstört in dem Prozess die Lebensgrundlage von Kleinproduzenten und erzeugt Armut, anstatt sie zu beseitigen." (Shiva 2002)

 

    Der gesamte Bericht von Oxfam liegt mir nicht vor. Ich kann mir aber auf der Grundlage meines Wissens über die Nachhaltigkeitsdiskussion vorstellen, dass Oxfam durchaus an Umweltschutz und das Ressourcenproblem denkt und dass es trotzdem, wie viele andere Menschen und Gruppen, nachhaltiges Wirtschaftswachstum für möglich hält. Dann kann es überhaupt kein Problem haben mit seiner in dem genannten Bericht enthaltenen Position.

    An anderer Stelle habe ich ausführlich dargelegt, warum ich nachhaltiges Wirtschaftswachstum für einen schwarzen Schimmel halte (Sarkar 2001). Wie Shiva schreibt, haben wir hier einen Konflikt zwischen zwei entgegengesetzten Paradigmen: dem Wachstumsparadigma und dem Grenzen-des-Wachstums-Paradigma. Wenn es stimmt, dass es Grenzen des Wachstums gibt, dass nachhaltiges Wirtschaftswachstum nicht möglich ist und dass in den meisten Entwicklungsländern die natürlichen Ressourcen schon knapp geworden und die Umweltzerstörung sehr fortgeschritten sind, dann würde eine Politik, mehr aus diesen Ländern in die reichen Industrieländer zu importieren, bedeuten, dass die Industrieländer Nachhaltigkeit aus den Entwicklungsländern importieren, um den Preis der Unnachhaltigkeit dieser Länder (Pearce et al. 1989: 45). Unter neo-kolonialistischen Verhältnissen könnte man das auch Plündern nennen. Die großen und Mittelbauern, die ihre Produkte nach Europa und Amerika exportieren würden, würden sicher reicher werden. Aber Oxfam will doch die Armut der Armen beseitigen. Oder?

    Einige Ziele von Oxfam sind sehr unterstützenswert als Zwischenschritte. Wer kann dagegen sein, dass der Welthandel ein bisschen fair gestaltet wird, obwohl es nicht klar ist, wie das unter den gegebenen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen zu erreichen ist? Aber wird alles in Ordnung sein, wenn der Welthandel fair ist? Selbst bei fairem Welthandel werden die Degradation der Umwelt und die Erschöpfung der Ressourcen weitergehen.

    Shiva macht aber einen Fehler in ihrer Argumentation: Ein Entwicklungsland braucht nicht unbedingt die Export-Orientierung in der Wirtschaftspolitik, um seine Umwelt zu degradieren und seine Armen noch ärmer zu machen. Das kann auch das Ergebnis einer binnenmarkt-orientierten Wirtschaftspolitik sein, wenn an der Schwelle zu Grenzen des Wachstums auf Teufel komm 'raus Wirtschaftswachstum betrieben wird und wenn die Herrschenden die einheimischen Reichen und Mittelschichtsbürger auf Kosten der einheimischen Armen noch reicher machen wollen. Dann spielt aus der Sicht der Armen die nationale Grenze keine große Rolle. Eine protektionistische Politik könnte dann nur im Interesse der reichen und mittleren Unternehmer sein (z.B. im Interesse der Viehzüchter in der Sahel-Zone). So gesehen, ist die Binnenwirtschaftspolitik eines Regimes mindestens genau so wichtig wie seine Außenwirtschaftspolitik und die Politik der WTO, des IWF und der Weltbank.

    Eine Unklarheit in dem Papier von Oxfam kann auch wohlwollend interpretiert werden. Oxfam schreibt:

 

"Wenn Afrika, Ostasien, Südasien und Lateinamerika ihren jeweiligen Anteil am Weltexport nur um 1 Prozent erhöhen könnten, könnte der daraus entstehende Gewinn 128 Millionen Menschen von Armut befreien. Allein in Afrika würde dies ein Einkommen in Höhe von 70 Milliarden US$ schaffen ...". (Oxfam 2002)

 

Hier ist nicht gesagt worden, dass diese Entwicklungskontinente unbedingt Lebensmittel oder Naturressourcen exportieren sollen. Wie wir wissen, exportieren viele Länder dieser Kontinente auch Industrieprodukte, sogar Hightech-Produkte wie Computer-Software. Wenn sie mehr Industrie- und Hightech-Produkte exportieren könnten und weniger Lebensmittel und Naturressourcen, dann würden sie dadurch mehr Arbeitsplätze und Einkommen schaffen und in dem Prozess weniger Umweltdegradation pro Dollar Export verursachen. (Wieviel Gewinn daraus resultieren würde, ist aber abhängig von den terms of trade). Aus globaler Sicht allerdings löst das das Umwelt- und Ressourcenproblem nicht. Die Rohstoffe müssen ja irgendwoher kommen, und die Umweltdegradation muss ja irgendwo stattfinden. Alles wird dann nur global umverteilt. Da alle Ressourcen, auch die erneuerbaren, begrenzt zur Verfügung stehen, da die Fähigkeit der Natur, menschengemachte Umweltdegradation zu absorbieren, begrenzt ist und da jede industrielle Aktivität die Umwelt belastet, ist das Ganze nur ein Nullsummenspiel.

    Wenn der internationale Handel wächst – im Gegensatz zum Wachstum von nur Binnenproduktion für Binnenkonsum – , werden die Umweltdegradation und der Ressourcenverbrauch überproportional wachsen. Das International Forum on Globalisation (IFG), eine wichtige Organisation in unserer Bewegung, schreibt:

 

"Die Globalisierung wirkt sich inhärent destruktiv auf die natürliche Umwelt aus, weil sie erfordert, dass Produkte Tausende Kilometer um die Erde herumreisen, was unvorstellbare Umweltkosten verursacht: ein noch nie dagewesenes Ausmaß von Verschmutzung der Ozeane und der Atmosphäre durch Transport, erhöhten Energieverbrauch und Abgase aus Verbrennung von fossilen Brennstoffen (was die Klimaveränderung fördert). Dazu kommen erhöhter Verbrauch von Verpackungsmaterialien, verheerende Weiterentwicklung von Infrastrukturen – neue Straßen, Häfen, Flughäfen, Pipelines, Stromnetze usw., die oft in bisher unberührten Gebieten gebaut werden." (IFG 2001: 24)

 

Eines muss hier klargestellt werden: Wenn man vom internationalen Handel redet, meint man Export und Import über nationale Grenzen. Tausende Kilometer können Produkte aber auch im Binnenhandel zurücklegen müssen, z.B. in Russland (Moskau bis Wladiwostok). Im ökologischen Kontext sollten wir also von Fern- und Nahhandel reden.

 

IV. Schlusswort

 

    Um die Armut zu beseitigen, bedarf es nicht allzu vielen Fernhandels. Wer aber, wie Oxfam, den Wohlstand und Reichtum der Industrieländer bewahren will und auch den Armen in den Entwicklungsländern Wohlstand bringen will, der kann nicht umhin, ein starkes Wachstum des Fernhandels zu befürworten. Denn all die Produkte, deren Genuss heute Wohlstand ausmacht (in manchen Konzeptionen sogar zur Befriedigung der "Grundbedürfnisse" gehört), z. B. der Gebrauch eines Handys, können nicht in jedem Land hergestellt werden. Und auch wenn das möglich wäre – unter Hinnahme von komparativen Nachteilen –,  müssten die zahlreichen, dazu notwendigen Rohstoffe und/oder Zwischenprodukte von weit her importiert werden. An diesem Widerspruch scheiden sich die Geister in unserer Bewegung, was nicht mehr verschwiegen werden kann, wie die Kontroverse zwischen Oxfam und Shiva zeigt. Dieser Widerspruch existiert aber schon länger. Ein paar Monate nach Seattle sagte ein führender US-amerikanischer Aktivist der Bewegung, der in Seattle die Aktionen maßgeblich mitorganisiert hatte (Dahane), in der zukünftigen Welt seiner Vision werde jeder Weltbürger ein jährliches Einkommen von mindestens 10.000 US$ haben. Das Maximum könne 10 Millionen US$ sein (Kurbjuweit 2000). Etwa gleichzeitig gab es in der Bewegung Parolen wie "From global to local", "Protect the local, globally" (Hines 2000), und Ideen von weitgehender Selbstversorgung, der Subsistenzperspektive usw. Es ist an der Zeit, dass wir uns Gedanken darüber machen, was/wieviel möglich ist und was/wieviel nur Fantasterei ist.

    Von der Öffnung des Agrarmarktes in der EU für Produkte aus dem Außer-EU-Raum werden insbesondere kleinere und mittlere Bauern getroffen werden. Eine oppositionelle Bauernorganisation in Frankreich, Confédération Paysanne , in der viele solcher Bauern organisiert sind, hat die Kritik akzeptiert, dass subventionierte Agrarexporte aus der EU die Lebensgrundlage von vielen Bauern in den Entwicklungsländern ruinieren. Zusammen mit ähnlichen Bauernorganisationen in anderen Ländern inklusive der Entwicklungsländer (alle sind organisiert in einem internationalen Verband namens Via Campesina) vertreten sie die Position, dass die Bevölkerung eines Landes hauptsächlich von den Bauern dieses Landes mit Lebensmitteln versorgt werden soll. Sie verlangen keine Subventionen für Produktion für den Export, sondern faire Preise für ihre Produkte, damit alle Bauern von ihrer Arbeit leben können (vgl. Bové und Dufour 2001). Das ist eine Position, die das ganze Gerede von komparativen Vorteilen, Wettbewerb, Reich-Werden durch Welthandel usw. ignoriert und eine Lösung des Problems darstellt, die auf dem Prinzip Solidarität basiert.

    Damit sind zwar nicht Lösungen für alle Probleme der Welt gefunden. Aber ein notwendiges, zweites, Basisprinzip für die Lösungen (das erste ist Nachhaltigkeit) ist klar geworden: nicht Wettbewerb auf dem Weltmarkt, nicht neoliberale Globalisierung, sondern Solidarität. Ohne etwas Idealismus gibt es keine Lösung. Es bleibt noch die Frage: Welcher Entwurf einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entspricht diesen Basisprinzipien eher? Daly und Cobb Jr. schwebt ein gemeinschaftszentrierter Kapitalismus vor, in dem sich die Unternehmer der eigenen Gemeinschaft verpflichtet fühlen. Sie schreiben, auch Adam Smith und Ricardo stellten sich den Kapitalismus ungefähr so vor (Daly und Cobb Jr. 1990: 214 - 215). Auch Keynes plädierte für einen nationalen Kapitalismus. Er schrieb:

 

"Ideen, Wissen, Kunst, Gastfreundschaft, Reisen – das sind Dinge, die ihrer Natur nach international sein sollten, aber lasst Güter in der Heimat herstellen, wenn immer es sinnvoll und praktisch möglich ist, und vor allem lasst die Finanzen in erster Linie nationale sein. ... ich bin nicht überzeugt, dass die wirtschaftlichen Erfolge der internationalen Arbeitsteilung heute noch irgendwie mit den früheren vergleichbar sind." (zit. nach Loske et al. 1996: 172)

 

    Ich habe starken Zweifel an der Machbarkeit dieser Konzeptionen. An anderer Stelle habe ich dargelegt, warum ich denke, dass schon die Logik des Kapitalismus – egal, ob anfangs gemeinschaftszentriert oder national – an sich zur Globalisierung führt und unvereinbar ist mit dem Prinzip Solidarität. Mein Entwurf einer Alternative ist Öko-Sozialismus, der auch bei Fragen der Wirtschaft in gewissem Grade Internationalismus beinhaltet (Sarkar 2001).

 

 

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Literatur:

 

Bové, José und Dufour, Francois (2001) Die Welt ist keine Ware – Bauern gegen Agromultis,
    Rotpunkt, Zürich.

Daly, Herman E. und Cobb, John B. Jr. (1990) For the Common Good, Green Print, London.

Galbraith, John Kenneth (1995) Die Geschichte der Wirtschaft im 20. Jahrhundert, Hoffmann
    und Campe, Hamburg.

Hines, Colin (2000) Localization – A Global Manifesto, Earthscan, London.

International Forum on Globalization (IFG) (2001) Die Welthandelsorganisation (WTO),
    Netzwerk gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik, Köln.

Kurbjuweit, Dirk (2000) "Die Zukunft der Rebellion", in: Spiegel Reporter, Nr.8 vom August
    2000.

Loske, Rainer und Bleischwitz, Raimund (1996) Zukunftsfähiges Deutschland, Basel.

Oxfam (2002) Rigged Rules and Double Standards (Introduction), im Internet,
    Großbritannien.
(Deutsche Übersetzung in: Infobrief Nr. 10 vom Netzwerk gegen
    Konzernherrschaft und neo-liberale Politik, Köln)

Pearce, David / Markandya, Anil / Barbier, Edward B. (1989) Blueprint for a Green
    Economy
, London.

Samuelson, Paul A. und Nordhaus William D.(1989) Economics, McGraw-Hill, Singapore.

Sarkar, Saral (2001) Die nachhaltige Gesellschaft – Eine kritische Analyse der
    Systemalternativen
, Rotpunkt, Zürich.

Shiva, Vandana (2002) Export at Any Cost : Oxfam's Free Trade Recipe for the Third World,
    im Internet, Indien.
(Deutsche Übersetzung in: Infobrief Nr. 10 vom Netzwerk gegen
    Konzernherrschaft und neo-liberale Politik, Köln).