Das Ende des Wachstums


Richard Heinberg


Etliche von uns haben die weltweite Ölproduktion und deren Niedergang in den letzten Jahren genau beobachtet und sind nun zum Schluss gekommen, dass die Welt die höchste Produktionsrate erreicht hat. (www.postcarbon.org/say goodbye peak oil). Matt Simons meint: Von jetzt an geht es nur noch bergab. (www.economist.com/people/displaystory.cfm?story id=11702995).


Die weltweite Finanzkrise und die geringer werdende Menge an nutzbarer Energie bedeuten, dass wir möglicherweise auch das letzte Jahr mit einem weltweiten Wirtschaftswachstum erlebt haben.


Das ist eine atemberaubende Feststellung. Ich selbst habe sie gestern anlässlich eines Strategietreffens einiger Organisationen geäußert, die für Ökologie und wirtschaftliche Gerechtigkeit eintreten. Ich war sogar selbst davon überrascht und fragte mich unmittelbar danach, ob das, was ich gesagt hatte, möglicherweise wahr ist.


Es gibt Einwände dagegen, die auf der Hand liegen. Vielleicht gelingt es den wohlhabenden Ländern, noch einige Jahre mit Wachstum herauszupressen, indem sie die globale wirtschaftliche Ungleichheit noch vergrößern. Doch genau das haben sie in den letzten beiden Jahrzehnten getan; darin bestand ihre Strategie der Globalisierung, und genau dieser Strategie geht die Luft aus, weil die Transportkosten aufgrund des Peak Oil hoch sind.


Vielleicht kann das Wachstum auf gute oder schlechte Weise scheinbar durch Täuschungsmanöver aufrecht erhalten werden. Man muss zu diesem Zweck nur ein wenig mit der Definition von „Wachstum“ spielen. Wir wissen doch, wie die US-Regierung ihre Definition von „Inflation“ im Lauf der Jahre geändert hat, indem sie Energie- und Lebensmittelpreise weitgehend ausgenommen hat. Wenn die alten Regeln noch in Kraft wären, dann hätte es das Land mit einer Inflation im zweistelligen Bereich zu tun. Ähnlich ging es mit der Definition von „Arbeitslosigkeit“ zu. Warum sollte nicht auch in Bezug auf „Wachstum“ so verfahren werden?


Andererseits sollte Wachstum tatsächlich neu definiert werden. Viele Organisationen haben die Regierungen und offiziellen Stellen dazu gedrängt, das Bruttoinlandsprodukt nicht als Maßstab des Wachstums zu nehmen. Statt dessen sollte ein Bündel von Indikatoren, die das öffentliche Gesundheitswesen, die Bildung, den Zustand der Umwelt usw. mit einbezogen werden. Der Genuine Progress Indicator, also der Index für echtes Wachstum, wird als Alternative vorgeschlagen. Wenn sich die Regierungen der Welt dazu entschließen könnten, Wachstum auf diese Weise neu zu definieren und dann auch tatsächlich in Verbesserungen der öffentlichen Dienste investieren würden, könnte es mit dem Wachstum vielleicht tatsächlich weitergehen.


Ein letzter Einwand hat mit den regionalen Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu tun. Einige mögen das Argument ins Feld führen, dass der Wachstumsimpuls Chinas so stark ist, dass er nicht unmittelbar abgebremst werden kann und deshalb weiterhin in absehbarer Zukunft für ein weltweites Wachstum sorgen wird. Andere mögen darauf hinweisen, dass die ölproduzierenden Länder wahrscheinlich hohe Wachstumsraten verzeichnen werden, da hohe Preise für fossile Energien ihren Aufstieg wahrscheinlich weiter befördern. Doch werden China und Saudi-Arabien wirklich imstande sein, den wirtschaftlichen Zusammenbruch der USA und Europas wettzumachen? Und wird China wirklich lange Zeit immun gegen die Krise sein?


Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr scheint es mir, dass ich mit meiner spontanen Äußerung Recht haben könnte. Mit dem Wachstum ist es vorbei: aus, kaputt, zu Ende. Finden wir uns damit ab!


Wenn dem so ist, dann hat dies eine Menge von Konsequenzen. Für die Menschen in der überschaubaren Nischenwelt der ökologischen Nichtregierungsorganisationen lautet eine der Konsequenzen: Die Zeit, in der wir uns gegen das Waschstum gewandt haben, ist möglicherweise vorbei. Jeder, der den menschlichen Einfluss auf die Umwelt und die katastrophalen Folgen unseres Wachstumszwanges kennt, weiß, dass es unbedingt notwendig ist, dass die Welt eine Alternative zum Wachstum findet. Dass die menschliche Wirtschaftsweise stattdessen auf ein Maß schrumpfen muss, das die Ökosysteme nicht länger bedroht. Das macht das Wesen von Nachhaltigkeit aus.


Doch stellen Sie sich vor, Sie sprechen mit einer Frau, die gerade ihre Arbeit verloren hat. Und Sie sagen dieser Person: „Sie müssen freiwillig weiterhin ihr Einkommen und Ihren Lebensstandard absenken.“ Wozu wird das wahrscheinlich führen?


Eine effektive Strategie erfordert es, dass man sich über die Möglichkeiten und Grenzen dieses einzigartigen historischen Moments Rechenschaft gibt. Es hat den Anschein, als hätten wir gerade den Übergang von einem historischen Moment zu einem völlig anderen hinter uns. In dieser Situation ist es hilfreicher, den Leuten (und auch den Politikern) klarzumachen, wie man am effektivsten mit seinen unmittelbaren Problemen so umgeht, dass dies mit langfristiger Nachhaltigkeit vereinbar ist. Alles andere würde bestenfalls bedeutungslos, und im schlechtesten Fall äußerst unangemessen sein.


Das Wachstum ist tot. Machen wir das Beste daraus. Es ist etwas Schreckliches, die Chance, die in einer Krise steckt, zu vergeben.



E-Mail-Botschaft vom 9. Oktober 2008.


Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.


Richard Heinberg ist Journalist, Sachbuchautor und Musiker. Er hat etliche Bücher über kulturellen Wandel und Energiewirtschaft geschrieben und etliche Auszeichnungen dafür erhalten. Am Santa Rose College unterrichtet er zum Thema Kultur, Ökologie und nachhaltige Kommunen. Auf Deutsch ist das äußerst lesenswerte Buch erschienen: The Party's Over. Das Ende der Ölvorräte und die Zukunft der industrialisierten Welt, München 2004.