Energiefragen der Zukunft: ein globaler Blick


Bei globaler Anwendung würde das gegenwärtige Energieverbrauchsmodell der westlichen Industriestaaten zwangsläufig kollabieren. Abgesehen davon, dass fossile Energieressourcen bald knapp werden und Kernenergie kein wirkliches Entwicklungspotential hat, sind auch erneuerbare Energien keineswegs beliebig expandierbar. Ein generelles Umdenken im Energieverbrauch ist mit Blick auf die Zukunft mehr als dringlich.


Interview mit Helmut Haberl


Helmut Haberl ist stellvertretender Institutsvorstand des Instituts für Soziale Ökologie in Wien, Vizevorsitzender des IFF-Soziale Ökologie und als Professor an der Universität Klagenfurt tätig. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen unter anderem Ökosystemforschung, Umweltforschung, Energieforschung und erneuerbare Energien.


Frage: Wie charakterisieren Sie die Energiesituation zu Beginn des 21. Jahrhunderts?


Haberl: Die Entwicklung des Energieverbrauchs kann nicht so weitergehen, wie sich das in den letzten hundert Jahren abgezeichnet hat. Der Energieverbrauch in den Industrieländern hat sich auf einem Niveau stabilisiert, das sicherlich nicht global verallgemeinerbar ist. Das heißt, man kann dieses Energieverbrauchsniveau nicht auf heute sechs Milliarden oder in 50 Jahren auf neun Milliarden Menschen ausdehnen. Das sprengt sowohl die Ressourcenverfügbarkeit der fossilen Energieträger als auch die ökologische Tragfähigkeit, sowohl was die Biomasseversorgung, als was auch die fossile Energie betrifft, da die Klimawirkungen als Folge der Emissionen von Treibhausgasen nicht erträglich sein werden. Der Energieverbrauch der Menschheit würde sich im Vergleich zu heute ungefähr verfünffachen. Das ist aus ökologischen Gründen mit der derzeitigen Technologie nicht möglich. Und um die Frage vielleicht gleich vorweg zu nehmen, auch auf Basis der Kernenergie ist das total undenkbar. Selbst wenn man das Risikopotential für zumutbar hielte, ist es technisch kaum vorstellbar, mit Kernenergie so viel Energie bereitzustellen.


Frage: Der Kapitalismus hat sich nur aufgrund der fossilen Energie ausdehnen und seine Entwicklung über den Globus vorantreiben können. Jetzt scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, dass es mit der fossilen Energie in absehbarer Zeit zu Ende geht und eine weitere Expansion des Kapitalismus nicht mehr so möglich ist wie bisher.


Haberl: Ich würde in dieser Frage erst einmal das Wort Kapitalismus streichen, denn das war nichts, was die kapitalistischen Staaten gegenüber den realsozialistischen ausgezeichnet hat. Diese haben die Energie auch nicht effizienter verwendet; tendenziell sogar noch ineffizienter. Ich würde lieber von einem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft sprechen. Wir beobachten, dass sich gegenwärtig weltweit ungefähr ein Viertel der Menschheit in das Industriezeitalter begeben hat und ungefähr drei Viertel der Menschheit dabei sind, das zu versuchen.


Ich will zwischen Planwirtschaften und Marktwirtschaften gar nicht unterscheiden. In beiden Fällen basiert die Industrialisierung auf den Bedingungen einer Agrargesellschaft: Bei Agrargesellschaften stammt die Energie aus der Fläche, also letztlich aus der Land- und Forstwirtschaft. Und die ist durch das Wachstum der Pflanzen auf einem Territorium, über das man eine Kontrolle hat und von dem man seine Ressourcen beziehen kann, begrenzt. Das Industriesystem zeichnet sich dadurch aus, dass zusätzlich zu dieser Biomasse, die im Industriesystem zur Ernährung von Menschen, Nutztieren usw. nach wie vor gebraucht wird, andere Energiequellen dazukommen – quantitativ im Wesentlichen die fossile Energie.


In den Industrieländern hat man nun einen Zustand erreicht, in dem drei Viertel der Energie aus fossiler Energie und ein Viertel aus der Biomasse bezogen werden, wobei das Verbrauchsniveau um das Fünffache gestiegen ist. Global wird sich diese Entwicklung auf der Basis der zur Verfügung stehenden Technologien nicht fortsetzen. Natürlich auch aus Gründen der Verfügbarkeit fossiler Energie – beim Öl setzt möglicherweise bereits eine Verknappung ein – und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte: Es ändert nicht viel daran, ob wir jetzt oder doch erst in zwanzig Jahren „Peak Oil“ erreichen, also jenen Punkt, ab dem die globale Erdölförderung zurückgehen wird. Wir haben seit 1973 den vierten Ölschock und immer noch nichts daraus gelernt: Die Forschungsgelder fließen in die Atomenergie, sie gehen nach wie vor in die fossile Energieforschung. Energieeffizienz und erneuerbare Energien werden zwar auch erforscht, aber in einem unverantwortlich niedrigem Ausmaß. Man müsste hier massiv umsteuern, sowohl was die Forschung als auch was die Technologiepolitik, die Infrastrukturpolitik, und die Steuer- und Abgabepolitik betrifft. Eigentlich sind das die wesentlichen Stellgrößen, und da passiert wenig bis gar nichts.


Frage: Das heißt, wir stehen eindeutig vor einer weit reichenden Krise des Industriesystems. Kann man deshalb annehmen, dass das Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahrzehnten weltweit gesehen im bisherigen Ausmaß nicht mehr möglich ist? Oder ist es so, dass die reichen Industriestaaten über Kriege die Rohstoffe für sich beanspruchen und die anderen in diesem System gar nicht hochkommen lassen? Welche Szenarien kann man sich hier für die nächsten 50 Jahre ausmalen?


Haberl: Es ist sicher eine denkbare Variante, dass die Industrieländer sagen, okay, wir wollen unsere Versorgung mit militärischen Mitteln sichern, egal auf wessen und zu welchen Kosten. Ob sich das so abspielen wird, kann man schwer sagen. Es ist aber ein Szenario, über das man nachdenken muss und über das auch bereits nachgedacht wird. Es wäre zweifellos eine elendige Welt, die wir da vorfinden würden. Die andere Möglichkeit wäre, andere Optionen der Versorgung mit Ressourcen und Energie zu erforschen und umzusetzen.


Frage: Nehmen wir das Beispiel China. In China steigt die Nachfrage nach fossiler Energie, um die Industrialisierung im klassischen Sinne voranzutreiben, extrem.


Haberl: China ist auf dem schmutzigen Weg der Industrialisierung, und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Weg in China, in Indien und den anderen dicht besiedelten Ländern Asiens funktionieren wird, wenn das Öl knapp wird. In den dünner besiedelten Ländern kann ich mir noch eher vorstellen, dass sie beispielsweise nicht so sehr mit fossiler Energie, dafür aber mit mehr Biomasse durchkommen werden. Aber in den dicht besiedelten Ländern ist das undenkbar, denn die Biomassemengen, die man hier bräuchte, können dort nicht produziert werden. Hier wird es sicherlich so sein, dass es ohne ein anderes Entwicklungsmodell nicht geht – die Kernenergie reicht auf keinen Fall aus.


Ein wichtiger Punkt in diesem ganzen Bereich ist sicherlich der effiziente Einsatz von Energie – nur muss man sagen, wir haben jetzt in vielen Regionen in der Welt gesehen, dass Effizienzsteigerung in der Regel durch das Wirtschaftswachstum kompensiert wird, sodass wir zwar laufend Effizienzsteigerungen beobachten, der Verbrauch in Summe aber trotzdem steigt. Bei einem Übergang von weitgehend agrarischen Subsistenzländern ins Industriesystem wird man zwar phantastische Effizienzsteigerungen haben, aber trotzdem eine deutliche Steigerung des Pro-Kopf-Verbrauchs an Ressourcen. Das geht sich ganz einfach nicht aus, es sei denn, man hat grundlegend andere Technologien und eine andere Infrastrukturentwicklung. Das ist nicht nur eine Frage der effizienteren Technik, sondern da geht es auch um andere Lebensweisen, um andere Formen von Infrastruktur usw.


Frage: Es geht also um ein grundlegend anderes Entwicklungsmodell. Kann sich das bestehende marktwirtschaftliche Modell so weiterentwickeln? Muss sich hier nicht eine andere, solidarischere Gesellschaftsform herausbilden, damit es bei einer zukünftigen Weltbevölkerung von neun Milliarden noch eine Entwicklungsmöglichkeit gibt?


Haberl: Ob die grundlegende Form der Güterverteilng über Märkte verläuft oder nicht, scheint mir nicht so wichtig, denn Märkte haben auch ihre Vorteile. Aber ich teile Ihre Meinung, dass eine Politik, die darauf aufbaut, Märkte zu entwickeln, und sonst keine Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft setzt, die Probleme nicht lösen kann, da der Markt gegenüber der Zukunft weitgehend blind ist. Erwartungen über zukünftige Entwicklungen spielen zwar schon eine gewisse Rolle bei der Entstehung von Marktpreisen, aber hier geht es um Monate, bestenfalls wenige Jahre, und sicherlich nicht um eine Vorausschau über die nächsten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte. Das sind Dinge, die können eigentlich nur über gezieltes gesellschaftliches Handeln eingebracht werden, das heißt letztendlich über das politische System. Gegenüber einer Politik, die nur auf Deregulierung setzt, bin ich sehr skeptisch, wenn man die ökologischen Probleme in den Griff kriegen will. Das kann ich mir nicht vorstellen. Das heißt aber nicht, dass diese Gesellschaftsform nicht nach wie vor marktwirtschaftlich orientierte Elemente haben kann.



Eine wichtige Frage ist eigentlich für mich jene nach grundlegenden Entwicklungszielen und Lebensweisen. Wir haben es heute mit einer Entwicklung zu tun, die sehr stark auf Einkommen als Zielgröße für wirtschaftliche Entwicklung setzt. Ich frage mich, ob nicht eine stärkere Orientierung an Lebensqualität im Sinne von freier Verfügbarkeit über Zeit und die Freiheit zu entscheiden, in welcher Organisationsform man arbeiten möchte, die wichtigeren Dinge sind.


Frage: Das würde die Produktivitätsentwicklung in Frage stellen, oder?


Haberl: Nicht unbedingt. In der neueren Managementliteratur spricht man sehr wohl darüber, dass man die Leute motiviert, indem man ihnen klar macht, wofür sie arbeiten. Dass man ihrer Arbeit einen Sinn gibt. Man sieht dann, dass die Leute bereit sind, effizient zu arbeiten, und das mit Lust. Glaubt man hingegen, ihnen etwas aufzwingen zu können, so werden sie in der Regel innerlich opponieren und weniger gut arbeiten. Menschen muss der Sinn ihrer Arbeit ersichtlich sein. Ein weiterer Faktor ist die Dimension der Arbeitszeitpolitik: Bis vor 30 Jahren sind in den Industrieländern die Arbeitszeiten konstant gesunken. Dieser Trend ist gestoppt und zum Teil umgekehrt worden. Hier müsste eine andere Orientierung vorgenommen werden, zum Beispiel dass Produktivitätszuwächse im Sinne von Bruttoproduktionswert pro Arbeitsstunde nicht mehr durch höhere Einkommen ausgezahlt, sondern eher in Form von Arbeitszeitreduktionen weitergegeben werden. Das könnte die Lebensqualität verbessern und nicht ständig die rein einkommensorientierten Zielfunktionen in der Wirtschaftspolitik weitertreiben.


Ein anderer wichtiger Punkt ist die Infrastrukturentwicklung, zum Beispiel in Form von Verkehrssystemen, von Siedlungsstrukturen, von Organisation der Produktion, weil wir ganz einfach sehen, dass in den Industrieländern insbesondere im Transport- und Verkehrsbereich die höchsten Zuwächse im Ressourcenverbrauch und in den Emissionen stattfinden. Das kann man sicherlich nicht nur durch technische Maßnahmen wie das Drei-Liter-Auto in den Griff bekommen, sondern im Grunde genommen nur durch andere Verkehrssysteme.


Die europäisch integrierten Just-in-time-Produktionssysteme, in denen ein Joghurt 15.000 Kilometer transportiert wird, bis es auf einem Frühstückstisch landet, dürfen nicht fortgeführt werden. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, das haben wir in allen Bereichen der Produktion. Diese Infrastrukturen werden alle mit enormen öffentlichen Mitteln aufgebaut und instand gehalten. Niemand kann sagen, dass dies nicht politisch beeinflussbar ist.


Frage: Die Liberalisierung der Märkte – wie die WTO sie verlangt – und die immer größere Konkurrenz durch Billiglohnländer favorisieren genau diese Variante des zunehmenden Verkehrs, wobei die ökologischen Kosten des Transports nie aufgerechnet werden. Hier müsste weltweit eingegriffen werden.


Haberl: Das ist natürlich nicht nur europäisch zu denken. Es fehlt ja nicht nur die Internalisierung aller ökologischen Folgekosten; diese Infrastrukturen sind ja alle öffentlich finanziert. Hier geht es um volkswirtschaftliche Kosten, die von ganz anderen getragen werden als von denen, die sie verursachen. Hier ist die Frage der Kostenwahrheit schon einmal ein wesentlicher Teil.


Frage: Wie würden Sie den Widerspruch von der ökologischen Seite her sehen? Was ist entscheidender: die Gefahren der klassischen industriellen Entwicklung, wie wir sie derzeit in China und Indien erleben, und ihre ökologischen Folgen zu bekämpfen, oder die soziale Frage der Arm-Reich-Entwicklung, die das neoliberale System verursacht, zu lösen?


Haberl: Ich will das nicht gewichten, denn ich denke, es gibt dabei vielfältige Querverbindungen. Die Klimaerwärmung stellt ein globales Problem dar, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass die Ärmeren stärker davon betroffen sind als die Reichen. Die Reichen können es sich viel leichter leisten, Gegenmaßnahmen zu treffen. Sie leben überwiegend in Gebieten, die gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels viel weniger auffällig sind. Auf der anderen Seite gibt es diese enorme, in den letzten Jahrzehnten rasch gewachsene Umverteilung des Reichtums. Diese Umverteilung ist einer der wesentlichen Mechanismen hinter den globalen Spannungen, die zu Terrorismus und Kriegsgefahr führen. Da kann ich nicht gewichten und sagen, das Eine ist schlimm und das Andere ist weniger bedeutend.


Frage: George Bush sagt, die Ökologie sei wirtschaftsschädlich und Kyoto interessiere ihn nicht.


Haberl: Das mag George Bush so sehen, aber auch in den USA setzen sich in den letzten Jahren andere Sichtweisen durch. Nicht einmal der australische Ministerpräsident John Howard bestreitet mehr, dass es einen Klimawandel gibt. Ich habe den Eindruck, dass die Argumentation, dass der Klimawandel nicht real sei, massiv an Glaubwürdigkeit zu verlieren beginnt und nirgends mehr haltbar ist. Die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden, sind natürlich sehr unterschiedlich. Die australische Regierung hat gleich gesagt: Dann brauchen wir eben die Kernenergie. George Bush vertritt eine ähnliche Auffassung. Ich halte diesen Weg sowohl von den Investitionen, die er erfordert, als auch von den Vorlaufzeiten, die er benötigen würde – bei den Mengen an Energie, um die es geht -, für vollkommen absurd. Jenseits der Frage, für wie gefährlich man die Kernenergie hält, muss man bedenken, dass es beim Uran ebenso Engpässe geben wird, wenn man nicht in die Brütertechnologie und die Wiederaufbereitung geht. Wir haben eine Eskalation der nuklearen Versuchspotenziale zu erwarten, wenn man ernsthaft diesen Weg gehen will. Dazu kämen noch riesige technologische Probleme, da die Brutreaktoren noch nirgendwo reibungslos funktioniert haben. Auch die Wiederaufbereitungsanlagen haben überall große Probleme hervorgerufen. Dazu kommt die Endlagerung, die ein weiteres ungelöstes Problem darstellt, weil es um so gigantische Zeiträume geht. Das heißt, selbst wenn man die Leichtwasserreaktortechnologie für akzeptabel hielte, wäre die Nukleartechnologie kein Ausweg. Diese Option ist aus meiner Sicht nicht realisierbar, wenn man weiß, um welche Energiemengen es sich dabei handelt. Wir haben ungefähr 400 Kernreaktoren in der Welt. Mit denen erzeugt man wenige Prozent des Weltenergiebedarfs. Eine Verzehnfachung wäre immer noch zu wenig, wenn man weltweit einen ungebremsten Übergang ins Industriesystem forciert. Hier stößt man ohne Brüter und Wiederaufbereitung sehr schnell an die Grenzen der Uranverfügbarkeit. Beachtet werden muss auch: Wir haben heute Planungszeiten von acht bis zehn Jahren für ein Kernkraftwerk, das heißt, die Kernenergie kann gar nicht so schnell ausgebaut werden. Dazu kommt, dass man dafür große Mengen an qualifiziertem Personal benötigt. Es würde daher 20 bis 30 Jahre brauchen, bevor wir wirklich spürbare Zuwächse in diesem Bereich haben könnten. Und die Kernfusion steht laut Angaben ihrer Befürworter schon seit einem halben Jahrhundert konstant rund etwa 50 Jahre vor ihrer Markteinführung. Das Geld dafür sollte man lieber in Energieeffizienz und erneuerbare Energien stecken.



Haberl: Solar- und Windenergie stehen nicht beliebig zur Verfügung, ihre Verfügbarkeit ändert sich im Zeitlauf. Bei ihnen braucht man erst ein richtiges Speichermedium, wenn man sie in großem Maßstab einsetzen will.


Biomasse ist letztlich gespeicherte Sonnenenergie und daher attraktiv. Was bei Biomasse viel zu wenig gesehen wird, ist, dass sie zwar erneuerbar, aber auch begrenzt ist. Wir sehen jetzt schon in Österreich beispielsweise, dass die Papier- und die Plattenindustrie über den Boom der Pellets-Heizungen jammert, da der Rohstoff Holz zu teuer wird. Wenn man solche Ideen verfolgen will, wie sie unsere abgewählte Regierung verfolgt hat, und verstärkt in den Bereich des Biokraftstoffs zu gehen versucht, so wird man das nur mit massiven Importen können. Eine deutliche Ausweitung der Verwendung biogener Kraftstoffe ist auf der Fläche Österreichs nicht durchführbar, dafür fehlt die nutzbare Landwirtschaftsfläche. In ganz Europa wird jetzt schon versucht, die Landwirtschaft in Richtung Bioenergie zu führen, und zur gleichen Zeit werden riesige Mengen Soja aus Brasilien importiert, wo daher der Regenwald flachgelegt wird, damit wir unsere Zuchttiere füttern können. Das ist eine scheinheilige Politik. Bei der Biomasse muss man sich wirklich überlegen, wo die Nachhaltigkeitsgrenzen liegen. Wenn man sich das einigermaßen ökologisch sensibel anschaut, dann sieht man sofort, dass die Potenziale viel geringer anzusetzen sind, als viele es sich erhoffen.


Das heißt, ich sehe eigentlich nicht, wie man eine massive Abkehr von der fossilen Energie einleiten kann, wenn man nicht das Verbrauchsniveau in den industrialisierten Ländern verändert. Historisch war es bisher so, dass die Effizienzgewinne durch Mehrkonsum aufgefressen worden sind. Es ist nicht gesagt, dass das nicht geändert werden kann.


Ökosteuerstudien haben gezeigt, dass eine Änderung in der Steuer- und Abgabenpolitik, die die Ressourcen belastet und die Arbeit entlastet, selbst bei weiterem Wirtschaftswachstum eine Verringerung des Energieeinsatzes bewirken kann. Diese Politik ist leider nicht umgesetzt worden. Sie wäre nur ein Element in einem umfassenden Bündel, das ich schon erwähnt habe.


Die Zukunft erdölfördernder Länder


Frage: Wie schätzen Sie die Entwicklung jener Länder ein, die sehr reich an Rohstoffen sind und über die Deviseneinnahmen ein nachhaltiges Entwicklungsmodell finanzieren könnten? Ich denke an den arabischen Raum, an Russland und Venezuela. In den letzten Jahren ist in diesen Ländern kein Ansatz für eine solche Entwicklung sichtbar geworden. Werden sie nach Ausschöpfung ihrer Ressourcen in 30 oder 40 Jahren wieder als arme Länder dastehen?


Haberl: Saudi-Arabien ist sicherlich jenes Land, das noch am längsten Öl haben wird, und es wird dann, wenn andere schon fast nichts mehr fördern, noch immer davon profitieren, weil das Öl dann noch wesentlich teurer sein wird. Das große Problem, das ich sehe, ist, dass diese Länder mit den Einkommen, die sie aus ihren unterirdischen Schätzen lukrieren, wenig weise umgehen. Mein Eindruck ist, dass sie – wenn sie dieses Einkommen nicht einfach in Form von Luxusgütern verheizen – auf Entwicklungsmodelle setzen, die so tun, als ob es diesen Reichtum an fossiler Energie, den sie gerade verkaufen, ewig geben würde. Denken wir bloß an Dubai mit einer Tourismusinfrastruktur, die natürlich nur ins Fossilzeitalter passt. Wer sollte denn dort Urlaub machen, wenn nicht Menschen, die mit Flugzeugen dorthin fliegen und sich dann mit einem hohen Energieaufwand einige Wochen auf künstlichen Inseln vergnügen? Ich denke, das ist eine Form von Infrastrukturentwicklung, die sehr wenig Zukunftspotenzial hat, angesichts der Tatsache, dass das fossile Zeitalter sich seinem Ende zuneigt.


Diese Länder hätten sehr wohl das Potential, sich anders zu entwickeln, das heißt, sie könnten sich so entwickeln, dass sie mittel- und langfristig einen Vorteil aus ihren Öleinnahmen ziehen können. Sie hätten die Mittel dafür, sie tun es aber nicht.


Wenn sie die Mittel wenigstens so einsetzen würden, dass sie neben dem Rohstoff exportierenden Industriezweig andere Produktionszweige aufbauten. Sie könnten auch einen Teil in Alternativenergien und in Energieeffizienz stecken. Das Geld fließt aber ausschließlich in den Luxuskonsum der oberen Schichten bei gleichzeitiger Armut großer Teile der Bevölkerung bzw. in die Abwerbung von Arbeitskräften aus anderen Regionen.


Ich sehe keinen Aufbau von Strukturen, die ein zukunftsweisendes Konzept bereithalten für den Fall, wenn das Öl einmal versiegt.


Die Dienstleistungsgesellschaft im Zeichen des Ressourcenverbrauchs


Frage: Das Informatikzeitalter wurde einmal angekündigt als jenes, welches das industrielle Zeitalter ablösen wird. Man erkennt zwar eine Parallelentwicklung, aber man sieht, dass die technologische Revolution in keiner Weise – auch wenn es eine neunzigprozentige Dienstleistungsgesellschaft in den reichen Ländern geben könnte – die Energiefrage löst.


Haberl: Informatikzeitalter oder Dienstleistungsgesellschaft: Das ist so ein Missverständnis, auf das man eigentlich nur kommen kann, wenn man sich den Industrieprozess nur in Geldeinheiten anschaut. Das wird schon deutlich, wenn man sieht, wie viele Menschen in diesen Bereichen arbeiten und wie viel Geld in diesem Zweig erwirtschaftet wird – in Form von Dienstleistungen, von Geldwerten oder von Produkten.


Betrachtet man die Entwicklung jedoch biophysisch, dann sieht man, dass die Ressourcenumsätze des Industrie- oder des Agrarsektors deswegen nicht schwinden, weil ihre Produkte relativ weniger wert werden. Ganz im Gegenteil: All die Dienstleistungen und Informatikwaren kommen zu den anderen, ressourcenintensiven Produkten dazu. Physisch bleibt das Industrie- und Agrarsystem erhalten; es beschäftigt nur immer weniger Leute und es wird in diesen Sektoren zum Teil weniger Geld erwirtschaftet.


Die österreichische Landwirtschaft, die vor 200 Jahren 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung beschäftigt und den größten Teil des Volkseinkommens erzeugt hat, ist ökonomisch enorm geschrumpft. Heute stellt sie einen Sektor dar, in dem zwei bis drei Prozent der Bevölkerung arbeiten und nur noch ein vernachlässigbarer Teil des Volkseinkommens erwirtschaftet wird. Aber die Biomasseumsätze im Agrarsektor haben sich verdoppelt. Wenn man auf die Ökonomie nur als Geldprozess schaut, dann sieht man eben die wesentlichen Ressourcenflüsse nicht, die hinter diesen Geldflüssen stehen. Daraus entsteht dann eine so absurde Idee wie die, dass eine Dienstleistungsgesellschaft automatisch entmaterialisiert wäre. In diesen Bereichen könnten wir bereits ein Wirtschaftswachstum haben, das weniger Ressourcen verbraucht, als wenn wir dieses Wirtschaftswachstum beispielsweise durch Steigerung der Stahlproduktion erzeugt hätten. Wir brauchen weniger Ressourcen pro Einheit BIP, aber deswegen sinkt nicht unser Ressourcenverbrauch, weil wir die materialintensive Grundproduktion nach wie vor haben. Das andere kommt noch dazu.


Das ist einfach eine Sichtweise, die nicht sieht, wie diese Ressourcenflüsse stattfinden, und die rein auf einer monetären Perspektive aufbaut.


Akteure und Chancen der Veränderung


Frage: Wer könnten Ihrer Meinung nach die Aktuere für eine notwendige Veränderung in der Gesellschaft sein? Ökologiebewegungen, Sozialforumsbewegungen auf Weltebene oder NGOs à la Greenpeace?


Haberl: Das ist natürlich eine schwierige Frage. Es gibt zwei Optionen. Entweder die von Ihnen erwähnten und andere Akteure realisieren, was da auf uns zukommt, werden aktiv und es gelingt, Veränderungen einzuleiten, bevor es zu einem großen Knall kommt. Oder wir werden tatsächlich in „Peak Oil“ hineinlaufen und dann erst reagieren. Meine Prognose ist, dass es sehr unangenehm werden wird, wenn wir in die „Peak-Oil“-Situation unvorbereitet und ohne vorausschauend zu handeln hineinlaufen. Wen wir in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren noch weitere riesige Mengen Geld in den Aus- und Aufbau einer Infrastruktur stecken, die nur mit billigem Öl funktioniert, dann werden wir eine sehr harte Landung haben, wenn das Öl auf einmal nicht mehr billig sein wird – und zwar dauerhaft. Wir würden jetzt schon viel besser dastehen, wenn wir in den letzten Jahrzehnten auf die Warnungen zum Beispiel des Club of Rome reagiert hätten. Wenn das, was man bei dutzenden wirtschaftswissenschaftlichen Simulationsstudien herausgefunden hat, stimmt, nämlich dass man beispielsweise sozialökologische Steuerreformen durchführen kann, ohne das Wirtschaftswachstum zu verringern, wären wir wirtscbaftlich gar nicht so schlecht ausgestiegen und hätten sogar mehr Beschäftigung gehabt. Wenn wir diesen Weg in der entsprechenden Weise gegangen wären, hätten wir vielleicht sogar eine gerechtere Verteilung zustande gebracht. Aber wir haben eben keine sozial-ökologische Steuerreform umgesetzt, und so haben uns diese Ölpreissteigerungen härter getroffen als notwendig. Was passiert, wenn das Öl physisch knapp wird? Momentan deutet einiges darauf hin, dass wir noch für einige Jahre eine Schonfrist haben. Wenn man die wieder tatenlos verstreichen lässt, und wenn die Wachstumsdynamik – vor allem in China und Indien – so weiter geht wie jetzt. Dann wird das keine weiche Landung werden.


Vielen Dank für das Gespräch.


Die Fragen stellte Johann Schögler