Brot statt Sprit


Von Friedrich Wilhelm Gräfe zu Baringdorf und Hannes Lorenzen


Der starke Anstieg der Rohölpreise hat die Suche nach alternativen Energiequellen forciert. Den Bauern wird von der Treibstoffindustrie eingeredet, ihre Zukunft läge vor allem im Anbau von Energiepflanzen für Ethanol und Biodiesel. Lebensmittel dagegen sind am Markt immer weniger wert, weil die international aufgestellte Lebensmittelindustrie die Preise nach unten drücken kann und am meisten von staatlichen Subventionen profitiert. Pflanzenöle sind im Supermarkt oft billiger als der Sprit an der Tankstelle. Es ist vielfach rentabler, Getreide zu verbrennen, als damit Brot zu backen oder Nutztiere zu füttern. Die Euphorie um pflanzliche Treibstoffe könnte aber schon bald die Ernährungssicherheit gefährden.


Die Herstellung von pflanzlichen Treibstoffen ist kein Patentrezept gegen den Klimawandel. Alle grünen Pflanzen vermindern CO-2, indem sie es in Zucker und Sauerstoff umwandeln. Aber die gegenwärtigen landwirtschaftlichen Praktiken beim Anbau von Mais, Getreide, Zuckerrohr, Palmöl und Soja für die Herstellung von Treibstoffen basieren vollständig auf Mineralöl. Mathematische Modelle und Studien, die dem Anbau von pflanzlichen Treibstoffen positive Energiebilanzen bescheinigen, haben in der Regel weder den Transport der Energieträger noch Belastungen der Umwelt, der öffentlichen Gesundheit oder die Risiken für die Ernährungssicherung einkalkuliert ...


Öldurst der Lebensmittelindustrie


Die industrialisierte Landwirtschaft und die internationale Lebensmittelindustrie gehören zu den weltweit größten Energieverbrauchern. Dünger und andere chemische Zusätze, Maschinenanlagen, Bewässerung, Trocknung, Verarbeitung und Einfrieren verbrauchen große Mengen Mineralöl. Der Lebensmitteltransport ist in der EU aufgrund der enormen Futtermittelimporte, der Spezialisierung der Agrarbetriebe und der zunehmenden Konzentration der Verarbeitung und des Handels stark angestiegen. Da die Futtermittel- und Lebensmittelbranche Lagerhaltung vermeidet und just-in-time liefern will, ist das Risiko regionaler und lokaler Versorgungslücken hoch. Die Weltgetreidevorräte waren in den letzten vier Jahrzehnten noch nie so knapp. Eine verstärkt lokal und regional abgesicherte Nahrungsmittelversorgung kann den Rohölverbrauch und das Versorgungsrisiko spürbar verringern.


Der Boom bei pflanzlichen Treibstoffen spiegelt eine Lebensmittelerzeugung wider, die nicht nachhaltig ist. Niedrigpreise für Lebensmittel provozieren regelmäßig Lebensmittelskandale und nehmen Umwelt- und Gesundheitsschäden, vor allem in Entwicklungsländern, in Kauf. Der Preisdruck auf Lebensmittel erzeugt bei Bauern und Verbrauchern ein falsches Bild vom Wert der Lebensmittel. Biologische Lebensmittel beispielsweise sind heute teurer als Lebensmittel aus der intensiven industriellen Produktion, obwohl die biologische Landwirtschaft 30 – 50 Prozent weniger Rohöl verbraucht. ...


Gefahr für Regenwälder


Die EU ist weltweit der größte Netto-Importeur von Lebens- und Futtermitteln. Viele Millionen Hektar Ackerland außerhalb der EU und viele Millionen Tonnen Erdöl sind nötig, um die gegenwärtig konsumierte Menge an Lebensmitteln anbieten zu können. Um den Mineralölimport zu reduzieren und somit die Auswirkungen des Klimawandels zu mindern, müsste die EU ihr großes Potential an Energieeinsparungsmöglichkeiten und eine bessere Verwendung von Abfallstoffen vorantreiben, anstatt innerhalb und außerhalb Europas den Druck zur Herstellung von pflanzlichen Treibstoffen zu erhöhen. Der aktuelle Boom bei pflanzlichen Treibstoffen verschlimmert weltweit die Grundwasserabsenkung und die Auslaugung der Böden.


Palmölplantagen für pflanzliche Treibstoffe brechen immer weiter in die tropischen Regenwälder ein. Malaysia produziert jährlich nahezu fünf Millionen Tonnen Palmöl. Diese Plantagen waren für 87 Prozent der Regenwaldabholzungen zwischen 1985 und 2000 verantwortlich. Jetzt sollen weitere sechs Millionen Hektar in Indonesien den Palmöl-Plantagen weichen. In Brasilien werden weiter Regenwälder für den Anbau von Sojabohnen und Zuckerrohr abgeholzt. Brasilien ersetzt bereits 40 Prozent des verbrauchten Mineralöls mit pflanzlichem Treibstoff aus Zuckerrohr und Soja und will zusätzlich große Mengen Ethanol und Sojadiesel exportieren. Brasilien will die Autoabgase wesentlich reduzieren, aber tatsächlich sind 80 Prozent der Treibhausgase des Landes auf die Abholzung des Regenwaldes zurückzuführen.


Autobesitzer gegen Arme


Der gegenwärtige Boom beim weltweiten Anbau von Plantagen für pflanzliche Treibstoffe führt zu einer gefährlichen Konkurrenz zwischen 800 Millionen Autobesitzern und den zwei Milliarden Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Weltweit werden Autobesitzer auch in Zukunft in der Lage sein, Lebensmittel und Sprit zu kaufen, während die Mehrheit der Armen nichts zu essen hat. In den USA werden jetzt Milliarden von Dollar in die neuen Ethanol- und Sojadiesel-Raffinerien investiert. Ein Sechstel der gesamten Maisernte des Landes geht schon heute in die Treibstoffproduktion, in einigen Staaten des mittleren Westens wie Iowa wird die gesamte Maisernte in Ethanol verwandelt. Wenn die USA ihre gesamte Getreideernte für Ethanol nutzen würde, wären damit nur 16% ihres Spritbedarfs für Fahrzeuge gedeckt. Weltweit warnen Tierzüchter und Lebensmittelproduzenten davor, dass Knappheit bei Futtermitteln, Öl, Milch, Eiern und Fleisch zu erwarten sei.


Bevor die Landwirtschaft Mineralöl in Essen verwandelte, wurde ein Teil des Landes zur Fütterung der Pferde gebraucht, die den Pflug zogen. Seitdem hat sich die Weltbevölkerung vervierfacht, und ein Großteil der besten Agrarflächen musste der Urbanisierung weichen oder aufgrund der Grundwasserabsenkung und der Bodenerschöpfung aufgegeben werden.


Die derzeitigen Methoden der pflanzlichen Treibstoff-Produktion basieren auf Monokulturen, sie erfordern eine große Menge Pestizide, Düngemittel, Wasser und Diesel und sie setzen in der Regel gentechnisch veränderte Organismen (GVO) ein. Die Raffinerien sind zentralisiert und machen lange Transportwege erforderlich.


Erneuerbare Energien können aus der Landwirtschaft kommen, wenn sie Teil einer energiesparenden und Effizienz steigernden Strategie sind. Die Landwirtschaft kann ihre Energie-Effizienz wesentlich verbessern, wenn sie sich von einem Import abhängigen System zu einem System der lokalen Mehrfachnutzung von Energie entwickelt. Alles organische Abfallmaterial muss optimal verwertet, Ackerbau und Viehzucht wieder integriert und moderne erneuerbare Energiesysteme (Solarenergie, Geothermie, Biogas, Wind) auf lokaler Ebene kombiniert eingesetzt werden. Das ist im derzeitigen Energiekonzept der EU nicht der Fall.


Gefräßige Reiche


Die Weltmeister des Wirtschaftswachstums – zu denen jetzt China, Brasilien und Indien gehören – greifen nach immer mehr Energie, was bald dazu führen könnte, dass der Hunger sich weltweit ausbreitet. Die rapide steigende Nachfrage nach nicht erneuerbarer Energie untergräbt das Recht der Menschen auf Nahrung. Nordamerika und Europa verbrauchen 63 Prozent des weltweiten Mineralöls und 40 Prozent der verfügbaren Kalorien, mit nur 16 Prozent der Weltbevölkerung. Der zunehmende Fleischkonsum – für die Produktion von einer Kalorie Fleisch sind 10 Kalorien erforderlich – und die zunehmende Verschwendung von Lebensmitteln in der Nahrungsmittelkette (heutzutage landen ca. 35 Prozent der Nahrungsmittel der Industriestaaten im Abfall) müssen erste Angriffspunkte für eine Strategie zur Verbesserung der weltweiten Ernährungssicherung werden. Nur durch eine drastische Reduzierung des Energiekonsums und der Lebensmittelverschwendung der Industrieländer und vorrangige Investitionen in nachhaltige Lebensmittelversorgung Entwicklungsländern kann Konflikten und Kriegen um Nahrung und Energie vorgebeugt werden.


Die EU muss der Euphorie in der Pflanzentreibstofferzeugung entgegenwirken. Sie sollte sich auf Fördermaßnahmen konzentrieren, die den Mineralölverbrauch drastisch senken und die Energieeffizienz in der Landwirtschaft durch nachhaltige Erzeugungsmethoden und kurze Transportwege steigern. ... Die Europäische Kommission sollte eine genaue Prüfung der Auswirkungen auf Ernährungssicherheit durchführen, bevor die vorgeschlagene Richtlinie zu pflanzlichen Treibstoffen umgesetzt wird. Diese Beurteilung sollte die Handelspartner der EU, insbesondere Entwicklungsländer, einbeziehen und die weltweiten Auswirkungen der Herstellung von pflanzlichen Treibstoffen auf die Ernährungsgrundlagen. Die EU sollte keine verpflichtenden Prozentzahlen zur Ersetzung von Erdöl durch pflanzliche Treibstoffe vorschreiben, da dies keine Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs insgesamt zur Folge haben würde.


Die EU sollte eine verbindliche Zertifizierung für europäische und importierte pflanzliche Treibstoffe einführen, die auf den geltenden Umwelt-, Gesundheits- und Lebensmittelstandards basiert. Sie muss durch die Gleichstellung der Anbauvorschriften sicherstellen, dass ein sofortiger Wechsel von der Energiepflanzenproduktion zur Lebensmittelerzeugung erfolgen kann. Bei heimischer und importierter Erzeugung müssen darüber hinaus negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, den Wasserhaushalt und die Bodenfruchtbarkeit ausgeschlossen werden. Steuervergünstigungen, Direktzahlungen und multilaterale Finanzierungen müssen – wie im Protokoll von Kyoto festgehalten – an Kriterien der Nachhaltigkeit geknüpft werden. Bei Importen von Pflanzentreibstoffen aus Entwicklungsländern muss sichergestellt werden, dass der Zugang zu Nahrungsmitteln für die lokale Bevölkerung vorrangig gesichert wird. Solange dies nicht sichergestellt ist, sollte die EU auf Pflanzentreibstoffe Abgaben erheben, die an die betroffenen Länder für Maßnahmen zur Ernährungssicherung zurückfließen können.


Die Autoren


Friedrich Wilhelm Gräfe zu Baringdorf ist Vizepräsident des Agrarausschusses im Europäischen Parlament. Der staatlich geprüfte Landwirt sitzt seit 1984 für die Grünen im Europaparlament. Hannes Lorenzen ist Entwicklungssoziologe und Landwirt. Er berät die europäischen Grünen im Ausschuss für Landwirtschaft und Ländliche Entwicklung des Europaparlaments.


Den hier leicht gekürzt wiedergegebenen Beitrag erarbeiteten die beiden für eine Konferenz der europäischen Grünen über nachwachsende Rohstoffe Ende September 2006 in Helsinki.