Aus: Saral Sarkas, Die nachhaltige Gesellschaft. Eine kritische Analyse der Systemalternativen, Zürich 2001, 173 - 179

 

 

... Wie bei der direkten Nutzung der Solarenergie herrscht auch bei Biobrennstoffen einige Verwirrung über ihre Energiebilanz. Während ein EU-Kommissar verallgemeinernd behauptete, dass Untersuchungen eine positive Energiebilanz für Biobrennstoffe ergeben hätten, widersprachen dieser Aussage sowohl Regierungs- als auch Nichtregierungsstellen.(1)

 

Dem deutschen Umweltbundesamt zufolge ist die Energiebilanz von Bioäthanol aus Zuckerrüben, Weizen und Kartoffeln negativ.(2)Das Europäische Umweltbüro (das von einigen Umweltschutzverbänden eingerichtet wurde) konstatierte, dass die Energiebilanz von Bioäthanol gerade noch positiv ausfalle, wenn man das Nebenprodukt Stroh in die Rechnung einbezieht.(3) Obwohl die Energiebilanz von Rapsöl allgemein positiv gewertet wird, bestehen Zweifel hinsichtlich des Biodiesels, für dessen Produktion aus Rapsöl zusätzliche Energie benötigt wird. Der Grund für das Energiedefizit dieser Biobrennstoffe ist, dass zum Anbau dieser Pflanzen chemische Dünger und Pestizide erforderlich sind. Der Energiegehalt dieser Chemikalien macht beispielsweise 40 – 60 Prozent des Energiegehalts von Raps aus.(4)

 

Die Produktionskosten pro Liter Bioäthanol betrugen 1992 1,20 bis 1,60 DM, während sie für Benzin nur 0,30 DM betrugen.(5) Im deutschen Bundesministerium für Landwirtschaft schätzte man, dass die Produktion dieses Brennstoffs aus Zuckerrüben, wenn man sie fördern wolle, einer jährlichen Subvention von 4519 DM pro Hektar bedürfe, die Produktion aus Weizen 2406 DM. (6) Biodiesel, der bereits gefördert wird, betrugen die jährlichen Subventionen 1995 1333 DM pro Hektar – zusätzlich zu der indirekten Subvention in Form einer Befreiung von der Mineralölsteuer. (7)  Das deutsche Umweltbundesamt empfiehlt auch im Jahr 2000 Biodiesel nicht als alternativen Kraftstoff – erstens, weil aus in Deutschland angebautem Raps produzierter Biodiesel höchstens 3 bis 5 Prozent des in Deutschland verbrauchten Diesels ersetzen könnte und, zweitens, weil der Rapsanbau mit Hilfe von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln die Umwelt schwer belastet. (8)

 

Auch in Brasilien hat der Staat die Produktion von Bioäthanol aus Zuckerrohr  mit steuerlichen und anderen finanziellen Zugeständnissen gefördert. (9) ... Der Hauptzweck dieser Förderung war, die Abhängigkeit vom teuren Erdölimport zu reduzieren. So müsste man eine positive Energiebilanz annehmen. Dennoch wurde die Frage nach dem energetischen Sinn der Unternehmung gestellt. „Offenbar stellt sich die Frage, ob nicht das Programm bedeutet, dass Öl in Äthylalkohol (Äthanol) umgewandelt wird, wobei wenig Zugewinn an verfügbarer Energie stattfindet. Es wird behauptet, dass für jede als Input eingesetzte Kalorie ungefähr vier Kalorien Output in der Form von Äthanol erlangt würden. Die Erklärung für diese positive Energiebilanz sei, dass Zuckerrohr energetisch eine sehr produktive Pflanze sei und dass der Pflanzenabfall (Bagasse) beim Destillationsprozess als Brennstoff benutzt werde.“ (10) Es muss auch berücksichtigt werden, dass Brasilien ein riesiges Land mit einer verhältnismäßig niedrigen Bevölkerungszahl ist und dass beim Zuckerrohranbau wahrscheinlich arbeitsintensive Methoden angewandt werden. (11)

 

Jede Art von Biomasse kann verbrannt werden, um Wärme zu erzeugen. Geeignet für diesen Zweck ist indessen nur trockene, holzige Biomasse. Feuchte Biomasse eignet sich besser zur Biogasproduktion. Stroh ist eine bekannte Energiequelle, die leicht direkt auf dem Bauernhof verbrannt werden kann. Wenn es aber an entferntere Orte transportiert werden soll, muss es zu Briketts oder Kügelchen gepresst werden; und das ist ein kostspieliger Prozess. Ein Strohbrikett ist annähernd so teuer wie ein Braunkohlebrikett. (12)Stroh ist in der Landwirtschaft selbst sehr viel nützlicher. Wenn in der Zukunft ökologischer Landbau zur Regel wird, muss ein Großteil davon wieder aufs Feld ausgebracht werden, um den Humusgehalt des Bodens zu erhalten.

 

Einige schnellwachsende Gräser – insbesondere Elefantengras, Riedgras (Schilf- oder Chinagras) und Ramie – werden ebenso diskutiert und erprobt. Ihre Energiebilanz kann positiv ausfallen, wenn sie in trockenem Zustand geerntet werden. Aber in gemäßigten Klimazonen, wo es das ganze Jahr über regnet, ist das nicht zu gewährleisten. Es handelt sich um tropische Pflanzen, die im Winter der gemäßigten Zonen nicht wachsen. In Deutschland hat sich die Diskussion aus diesem Grunde totgelaufen.

 

Derzeit scheint es, dass – außer Verbrennen von und Gasgewinnung aus Holz – Biogas aus allen Arten von organischen Abfällen, tierische und menschliche Exkremente eingeschlossen, die einzige Form von Energie aus Biomasse ist, die ohne Zweifel Sinn macht. In unterentwickelten Ländern wie Indien und China wird Biogas seit langem extensiv produziert, so dass man annehmen muss, dass seine Energiebilanz und Produktionskosten günstig sind. Doch Biogas ist wohl kein geeigneter Brennstoff für Kraftfahrzeuge, wie viele Ökobegeisterte denken. Der Energie- und der finanzielle Aufwand für die Verflüssigung sind sehr hoch. Eine Verbrennung scheint praktischer, um Wärme und eventuell Strom daraus zu gewinnen ...

 

Aber der Anbau von Gras und anderen Pflanzen auf Ackerland, um daraus Energie in Form von Biogas oder in irgendeiner anderen Form zu produzieren, ist problematisch. Ob das sinnvoll ist, hängt davon ab, ob nach der Befriedigung der Nahrungsbedürfnisse von Menschen und Haustieren zusätzliches Land verfügbar ist. Das wiederum hängt von der Bevölkerungszahl und von der Art der Nahrungsbedürfnisse ab. Wenn in der Zukunft extensiv-ökologische Landwirtschaft praktiziert wird und das Futtermittel nicht zum Großteil importiert werden soll, dann wird viel mehr Land zur Nahrungsmittelproduktion benötigt werden als heute. Die niederländische Sektion von „Friends of the Earth“ hat solche Vorschläge aus ihrem Szenario für das Jahr 2010 – Sustainable Netherlands – ausgeschlossen, da „es viel zuviel Ackerland beanspruchen würde“ (13) ... Wichtig ist hier zu differenzieren zwischen Verwertung von Abfällen und Exkrementen, die sowieso anfallen und die sonst – finanziell und ökologisch – kostspielig entsorgt werden müssten, und Anbau von Energiepflanzen auf Acker- oder Weideland. Dabei sollte man auch bedenken, dass die enormen Mengen von Gülle, die bei gegenwärtig praktizierter Massentierhaltung auf der Basis von aus entfernten Ländern importiertem Futtermittel anfallen, keine Basis für ökologische Energieproduktion sein kann.

 

Biomasse kann auch eine Rohstoffquelle für alle möglichen Zwecke sein; sie ist es in der Tat schon. Abgesehen von den wohlbekannten Rohstoffen organischer Herkunft, unternimmt die chemische Industrie Forschungen, um Erdöl als Rohstoffbasis für Produkte wie Kunststoffe und Farben durch Biomasse zu ersetzen. Stärke. Öle, Fette, Äthanol, Phenol, Glukose, Glyzerin und so weiter sind als mögliche Produkte genannt worden. Doch deren Produktionskosten sind noch zu hoch. Wenn aber in der Zukunft Erdöl zu teuer wird, müssen wir wohl diese Substanzen aus Biomasse herstellen.

 

Umweltprobleme

 

Viele Ökobegeisterte stellen sich die Energie- und Rohstoffgewinnung aus Biomasse als frei von Umweltproblemen vor, denn was die Natur aufbaut, baut sie auch naturverträglich ab. Doch so einfach ist die Sache nicht.

 

Eines ist sicher: Die CO-2-Konzentration in der Atmosphäre kann nicht durch den Verbrauch von Biomasse selbst ansteigen. Jede Form von Biomasse setzt bei ihrer Verbrennung nur so viel CO-2 frei, wie sie während ihres Wachstums neutralisiert hat. In manch anderer Hinsicht ist die Produktion von Energie und Rohstoffen aus Biomasse keineswegs umweltfreundlich. Da für Feldfrüchte, aus denen Biodiesel und Bioäthanol gewonnen werden, nur intensive Anbaumethoden praktiziert und in Betracht gezogen werden, müssen große Mengen von chemischen Düngern und Pflanzenschutzmitteln benutzt werden. Das hat wohlbekannte negative Auswirkungen auf die Umwelt: Nitrate und Pestizide im Grundwasser und Emission des Spurengases N-2-O (Lachgas), das 300 mal stärker zum Treibhauseffekt beiträgt als Kohlendioxid. Intensive Landwirtschaft trägt auch zur Bodenerosion und Verringerung der Artenvielfalt bei. (14)

 

Es gibt auch Probleme mit dem Abwasser aus solcher Produktion. Bei der Bioäthanolproduktion aus Zuckerrohr fließen große Mengen von so genannter Vinasse (Abwasser und Rückstände aus den Destillationsprozessen) in die Flüsse und töten dort Fische. In Brasilien verursachte dieser Prozess Anfang der Achtzigerjahre den biologischen Tod einiger Flüsse und Meeresküsten. (15)Bei den schnell wachsenden Gräsern und Bäumen kann man die Umweltbelastung vernachlässigen, da sie nicht mit Hilfe chemischer Dünger und Pestizide angebaut werden – was auch niemand empfiehlt. Das ist auch der Grund, warum man ohne Zweifel behaupten kann, dass ihre Energiebilanz positiv ist. Eukalyptus ist allerdings problematisch, aber aus anderen Gründen. Eukalyptus-Bäume saugen aus der Erde zu viel Wasser auf, und ihre fallenden Blätter haben eine negative chemische Auswirkung auf den Boden, so dass in ihrer Nähe keine andere Pflanze gedeihen kann ...

 

1)      Frankfurter Rundschau, 20. 2. 1992.

2)      Die Tageszeitung, 1. 4. 1992.

3)      Frankfurter Rundschau, 20. 2. 1992.

4)      Schmitz-Schlang, Otmar, Nachwachsende Rohstoffe – Chancen und Risiken, Bonn 1995, 14.

5)      Die Tageszeitung, 1. 4.1992.

6)      Schmitz-Schlang, aaO. 23.

7)      Ebd.

8)      Frankfurter Rundschau, 26. 9. 2000.

9)      Göricke, Fred/Reimann, Monika, Brasilien: das nationale Alkoholprogramm – eine verfehlte Energieinvestition, in: Michelsen, Gerd/Ökoinstitut Freiburg (Hg.), Der Fischer Öko-Almanach 82/82, Frankfurt a.M. 1982.

10)  Martinez-Aller, Juan, Ecological Economies and Ecosocialism, in: O’Connor, Martin (Hg.), Is Capitalism Sustainable? – Political Economy and the Politics of Ecology, New York/London 194, 21.

11)  Tatsächlich stellte die Situation der Tagelöhner („boias frias“)im Zuckerrohranbau in Brasiliens Nordosten eine der schlimmsten Ausbeutungssituationen des Landes überhaupt dar. Darüber hinaus ist die Ausweitung des Zuckerrohranbaus eine der Ursachen für die Verdrängung von Kleinbauern der Region und damit für eines der gravierendsten Probleme des Landes überhaupt: der Landlosigkeit von ca. 7 Millionen Bauernfamilien; Anm. d. Red.

12)  Michelsen/Ökoinstitut, aaO. 257.

13)  Brakel, Manus van/Zagema, Betram, Sustainable Netherlands, Amsterdam 1994, 25.

14)  Schmitz-Schlang, aaO. 26; Die Tageszeitung, 1. 4. 1992.

15)  Göricke/Reimann, aaO. 334.